Skip to main content

Full text of "Einbahnstraße"

See other formats


EINBAHNSTRASSE 



VON 

WALTER BENJAMIN 



1928 

ERNST ROWOHLT VERLAG • BERLIN 



COPYRIGHT 1S27 BY ERNST[ROWOHLT VERLAG 

GEDRUCKT BEI POESCHEL. & TREPTE • LEIPZIG 
PRINTED IN GERMANY 



KGAA • BERLIN W 35 



D1ESE STRASSE HEISST 

ASJA-LACES-STRASSE 

NACH DER DIE S1E 

ALS BNGENSEUR 

IM AUTOR DURCHGEBROCHEN HAT 



TANKSTELLE 

Die Konstruktion des Lebens liegt im Augenblick weit 
mehr in der Gewalt von Fakten als von Uberzeugungen. 
Und zwar von solchen Fakten, wie sie zur Grundlage von 
Uberzeugungen fast nie nocb und nirgend geworden sind. 
Unter diesen Umstanden kann wabre literariscbe Aktivi- 
tat nicbt beanspruchen, in literariscbem Rabmen sicb ab- 
zuspielen - vielmehr ist das der ubliche Ausdruck ihrer 
Unfrucbtbarkeit. Die bedeutende literariscbe Wirksam- 
keit kann nur in strengem Wechsel von Tun und Schreiben 
zustande kommen; sie muB die unscbeinbaren Formen, 
die ihrem EinfluB in tatigen Gemeinschaften besser ent- 
sprecben als die ansprucbsvolle universale Geste des 
Bucbes in Flugblattern, Broscbiiren, Zeitscbriftartikeln 
und Plakaten ausbilden. Nur diese prompte Spracbe zeigt 
sicb dem Augenblick wirkend gewacbsen. Meinungen sind 
fur den Riesenapparat des gesellschaftlicben Lebens, was 
01 fiir Maschinen ; man stellt sicb nicbt vor eine Turbine 
und ubergieBt sie mit Mascbinenol. Man spritzt ein wenig 
davon in verborgene Nieten und Fugen, die man kennen 
muB. 

FRUHSTUCKSSTUBE 



Eine Volksuberlieferung warnt, Traume am Morgen niicb- 
tern zu erzablen. Der Erwacbte verbleibt in diesem Zu- 
stand in der Tat noch im Bannkreis des Traumes. Die 
Wascbung namlicb ruft nur die Oberflache des Leibes und 
seine sicbtbaren motoriscben Funktionen ins Licht hinein, 
wogegen in den tieferen Scbichten aucb wahrend der mor- 
gendlichen Reinigung die graue Traumdammerung ver- 
harrt, ja in der Einsamkeit der ersten wacben Stunde sicb 



festsetzt. Wer die Beriihrung mit dem Tage, sei es aus 
Menschenfurcht, sei es um innerer Sammlung willen, 
scheut, der will nicht essen und verschmaht das Friihstiick. 
Derart vermeidet er den Bruch zwischen Nacht- und Tag- 
welt. Eine Behutsamkeit, die nur durch die Verbrennung 
des Traumes in konzentrierte Morgenarbeit, wenn nicht 
im Gebet, sich recbtfertigt, anders aber zu einer Ver- 
mengung der Lebensrhythmen fiihrt. In dieser Verfassung 
ist der Bericht ilber Traume verhangnisvoll, weil der 
Mensch, zur Halfte der Traumwelt nocb verschworen, in 
seinen Worten sie verrat und ibre Rache gewartigen muiJ. 
Neuzeitlicber gesprochen: er verrat sich selbst. Dem 
Schutz der traumenden Naivitat ist er entwachsen und 
gibt, indem er seine Traumgesicbte ohne Uberlegenheit 
beriibrt, sicb preis. Denn nur vom anderen Ufer, von dem 
hellen Tage aus, darf Traum aus uberlegener Erinnerung 
angesprocben werden. Dieses Jenseits vom Traum ist nur 
in einer Reinigung erreicbbar, die dem Wascben analog, 
jedoch ganzlicb von ihm verschieden ist. Sie geht durch 
den Magen. Der Nuchterne spricbt von Traum, als sprache 
er aus dem Schlaf. 



MR, 113 

„Die Stunden, welche die Gestalt enthalten, 
Sind in dem Haus des Traumes abgelaufen. " 

SOUTERRAIN 

Wir haben langst das Ritual vergessen, unter dem das 
Haus unseres Lebens aufgefiihrt wurde. Wenn es aber 
gestiirmt werden soil und die feindlicben Bomben sehon 
einschlagen, welch ausgemergelte, verschrobene Alter- 
tiimer legen sie da in den Fundamenten nicht blofi. Was 
ward nicht alies unter Zauberformeln eingesenkt und auf- 



geopfert, welch schauerliches Raritatenkabinett da unten, 
wo dem Alltaglichsten die tiefsten Schachte vorbehalten 
sind. In einer Nacht der Verzweiflung sah ich im Traum 
mich mit dem ersten Kameraden meiner Schulzeit, den 
ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr kenne und je in 
dieser Frist auch kaum erinnerte, Freundschaft und Brii- 
derschaft stiirmisch erneuern. Im Erwachen aber wurde 
mir klar: was die Verzweiflung wie ein SprengschuB an 
den Tag gelegt, war der Kadaver dieses Menschen, der da 
eingemauert war und machen sollte: wer hier einmal 
wohnt, der soil in nichts ihm gleichen. 

VESTIBtlL 

Besuch im Goethehaus. Ich kann mich nicht entsinnen, 
Zimmer im Traume gesehen zu haben. Es war eine Flucht 
getiinchter Korridere wie in einer Schule. Zwei altere eng- 
lische Besucherinnen und ein Kustos sind die Traum- 
statisten. Der Kustos fordert uns zur Eintragung ins 
Fremdenbuch auf, das am auBersten Ende eines Ganges 
auf einem Fensterpult geoffnet lag. Wie ich hinzutrete, 
finde ich beim Blattern meinen Namen schon mit groBer 
ungefiiger Kinderschrift verzeichnet. 



SPEISESAAL 

In einem Traume sah ich mich in Goethes Arbeitszimmer. 
Es hatte keine Ahnlichkeit mit dem zu Weimar. Vor allem 
war es sehr klein und hatte nur ein Fenster. An die ihm 
gegenuberliegende Wand stieB der Schreibtisch mit seiner 
Schmalseite. Davor saB schreibend der Dichter im hoch- 
sten Alter. Ich hielt mich seitwarts, als er sich unterbrach 
und eine kleine Vase, ein antikes GefaB, mir zum Geschenk 
gab. Ich drehte es in den Handen. Eine ungeheure Hitze 



herrschte im Zimmer. Goethe erhob sich und trat mit mir 
in den Nebenraum, wo eine lange Tafel fur meine Ver- 
wandtschaft gedeckt war. Sie schien aber fur weit mehr 
Personen bereehnet, als diese zahlte. Es war wohl fur die 
Ahnen mitgedeckt. Am rechten Ende nabm ich neben 
Goethe Platz. Als das Mahl vorftber war, erhob er sich 
miihsam und mit einer Geberde erbat ich Verlaub, ihn zu 
stutzen. Als ich seinen Ellenbogen beriihrte, begann ich 
vor Ergriffenheit zu weinen. 

FUR EVlANNER 

Uberzeugen ist unfruchtbar. 

NORMALUHR 

Den Groflen wiegen die vollendeten Werke leichter als 
jene Fragmente, an denen die Arbeit sich durch ihr Leben 
zieht. Denn nur der Schwachere, der Zerstreutere hat 
seine unvergleichliche Freude am AbschlieBen und filhlt 
damit seinem Leben sich wieder geschenkt. Dem Genius 
fallt jedwede Zasur, fallen die schweren Schicksalsschlage 
wie der sanfte Schlaf in den Fleifi seiner Werkstatt selber. 
Und deren Bannkreis zieht er im Fragment. „Genie ist 
Fleifi." 

ICEHRE ZURUCK! ALLES VERGEBEN! 

Wie einer, der am Reck die Riesenwelle schlagt, so schlagt 
man selber als Junge das Gliicksrad, aus dem dann fruher 
oder spater das grofie Los fallt. Denn einzig, was wir schon 



mit fiinfzebn wuBten oder iibten, macht eines Tages unsere 
Attrativa aus. Und darum laBt sich eines nie wieder gut 
macben: versaumt zu haben, seinen Eltern fortzulaufen. 
Aus acbtundvierzig Stunden Preisgegebenheit in diesen 
Jahren schieBt wie in einer Lauge der Kristall des Lebens- 
gliicks zusammen. 



HOCHHERRSCHAFTLICH MOBLIERTE 
ZEHNZIMMERWOHNUPIG 

Vom Mobelstil der zweiten Halite des neunzehnten Jahr- 
hunderts gibt die einzig zulfingliche Darstellung und Ana- 
lysis zugleich eine gewisse Art von Kriminalromanen, in 
deren dynamischem Zentrum der Schrecken der Wohnung 
steht. Die Anordnung der Mobel ist zugleich der Lageplan 
der todlichen Fallen und die Zimmerflucbt schreibt dem 
Opfer die Flucbtbahn vor. DaB gerade diese Art des Kri- 
minalromans mit Poe beginnt ~ zu einer Zeit also, als solcbe 
Behausungen noch kaum existierten — , besagt nichts da- 
gegen. Denn ohne Ausnabme kombinieren die groBen 
Dichter in einer Welt, die nacb. ihnen kommt, wie die 
Pariser StraBen von Baudelaires Gedichten erst nachneun- 
zehnbundert und aucb die Menschen Dostojewskis nicbt 
fruber da waren. Das biirgerliche Interieur der secbziger 
bis neunziger Jahre mit seinen riesigen, von Scbnitzereien 
uberquollenen Bufetts, den sonnenlosen Ecken, wo die 
Palme stebt, dem Erker, den die Balustrade verschanzt 
und den langen Korridoren mit der singenden Gasflamme 
wird adaquat allein der Leicbe zur Bebausung. „Auf die- 
sem Sofa kann die Tante nur ermordet werden." Die 
seelenlose Uppigkeit des Mobiliars wird wahrbafter Kom- 
fort erst vor dem Leichnam. Viel interessanter als der 



landschaftliche Orient in den Kriminalromanen ist jener 
tippige Orient in ihren Interieurs : der Perserteppich und 
die Ottomane, die Ampel und der edle kaukasische Dolch. 
Hinter den schweren gerafFten Kelims feiert der Hausherr 
seine Orgien mit den Wertpapieren, kann sich als morgen- 
landischer Kaufherr, als fauler Pascha im Khanat des 
faulen Zaubers fiihlen, bis jener Dolch im silbernen Ge- 
hange uberm Divan eines schonen Nachmittags seiner 
Siesta und ihm selber ein Ende macbt. Dieser Cbarakter 
der biirgerliehen Wohnung, die nacb dem namenlosen 
Morder zittert, wie eine geile Greisin nacb dem Galan, ist 
von einigen Autoren durcbdrungen worden, die als „Kri- 
minalschriftsteller" - vielleicbt auch, weil in ibren Schrif- 
ten sich ein Stuck des btirgerlichen Pandamoniums aus- 
pragt — um ihre gerechten Ehren gekommen sind. Conan 
Doyle hat, was hier getroffen werden soil, in einzelnen 
seiner Schriften, in einer groBen Produktion hat die 
Schriftstellerin A. K. Green es berausgestellt und mit dem 
„Phantom der Oper", einem der groBen Romane fiber das 
neunzehnte Jahrhundert; Gaston Leroux dieser Gattung 
zur Apotheose verholfen. 



12 1 



CHINAWAREN 

In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen, 
was er „kann". In der Improvisation liegt die Starke. Alle 
entscheidenden Schlage werden mit der linken Hand ge- 
fiihrt werden. 



Ein Tor befindet sich am Anfang eines langen Weges, der 
bergab zu dem Hause von . . . leitet, die ich allabendlicb 
besuchte. Als sie ausgezogen war, lag die OfFnung des Tor- 



bogens von nun an wie eine Ohrmuschel vor mir, die das 
Gehor verloren hat. 

Ein Kind, im Nachthemd, ist nicht zu bewegen, einen ein- 
tretenden Besuch zu begriiBen. Die Anwesenden, vom 
hoheren sittlichen Standpunkt aus, reden ihm, um seine 
Priiderie zu bezwingen, vergeblich zu. Wenige Minuten 
spater zeigt es sich, diesmal splitternackt, dem Besucher. 
Es batte sich inzwischen gewaschen. 

Die Kraft der LandstraBe ist eine andere, ob einer sie geht 
oder im Aeroplan druber hinfliegt. So ist auch die Kraft 
eines Textes eine andere, ob einer ihn liest oder abschreibt. 
Wer fliegt, sieht nur, wie sich die StraBe durch die Land- 
schaft schiebt, ihm rollt sie nach den gleichen Gesetzen 
ab wie das Terrain, das herum liegt. Nur wer die StraBe 
geht, erfahrt von ihrer Herrschaft und wie aus eben jenem 
Gelande, das fur den Flieger nur die aufgerollte Ebene ist, 
sie Fernen, Belvederes, Lichtungen, Prospekte mit jeder 
ihrer Wendungen so herauskommandiert, wie der Ruf des 
Befehlshabers Soldaten aus einer Front. So kommandiert 
allein der abgeschriebene Text die Seele dessen, der mit 
ihm beschaftigt ist, Wahrend der bloBe Leser die neuen 
Ansichten seines Innern nie kennen lernt, wie der Text, 
jene StraBe durch den immer wieder sich verdichtenden 
inneren Urwald sie bahnt: weil der Leser der Bewegung 
seines Ich im freien Luftbereich der Traumerei gehorcht, 
der Abschreiber aber sie kommandieren laBt. Das chine- 
sische Biicherkopieren war daher die unvergleichliche 
Burgschaft literarischer Kultur und die Abschrift ein 
Schliissel zu Chinas Ratseln. 



HANDSCHUHE 14 

Beim Ekel vor Tieren ist die beh.errsch.ende Empfindung 
die Angst, in der Bertihrung von ihnen erkannt zu werden. 
Was sich tief im Menschen entsetzt, ist das dunkle Be- 
wuBtsein, in ihm sei etwas am Leben, was dem ekel- 
erregenden Tiere so wenig fremd sei, dafi es von ihm er- 
kannt werden konne. - Aller Ekel ist ursprtinglich Ekel * 
vor dem Beriihren. Tiber dieses Geftihl setzt sogar die Be- 
meisterung sich nur mit sprunghafter, tiberschieBender Ge- 
berde hinweg : das Ekelhafte wird sie heftig umschlingen, 
verspeisen, wahrend die Zone der feinsten epidermalen 
Bertihrung tabu bleibt. Nur so ist dem Paradox der mo- 
ralischen Forderung zu gentigen, welche gleichzeitig Uber- 
windung und subtilste Ausbildung des Ekelgeftihls vom 
Menschen verlangt. Verleugnen darf er die bestialische 
Verwandtschaft mit der Kreatur nicht, auf deren Anruf 
sein Ekel erwidert : er muB sich zu ihrem Herrn machen. 



MEXIKAN1SCHE BOTSCHAFT 

„ Je ne passe jamais devant un, fetiche de bois, im 
Bouddha dore,um idole mexicaine sans me dire: C'est 
peut-Stre le vrai dieu." Charles Baudelaire 

Mir traumte, als Mitglied einer forschenden Expedition in 
Mexiko zu sein. Nachdem wir einen hohen Urwald durch- 
messen hatten, gerieten wir auf ein oberirdisches Hohlen- 
system im Gebirge, wo aus der Zeit der ersten Missionare 
ein Orden sich bis jetzt gehalten hatte, dessen Briider 
unter den Einheimischen das Bekehrungswerkfortsetzten. 
In einer unermefilichen und gotisch spitz geschlossenen 
Mittelgrotte fand Gottesdienst nach dem altesten Ritus 



statt. Wir traten hinzu und bekamen sein Hauptstuck zu 
sehen: gegen ein holzernes Brustbild Gottvaters, das 
irgendwo an einer Hohlenwand in grofier Hohe angebracht 
sich zeigte, wurde von einem Priester ein mexikanischer 
Fetisch erhoben. Da bewegte das Gotteshaupt dreimal 
verneinend sich von rechts nach links. 



DIESE ANPFLANZUNQEN 
S1ND DEM SCHUTZE DES 
PUBLIfCUMS EMPFOHLEN 

Was wird „gelost"? Bleiben nicht alle Fragen des gelebten 
Lebens zuriick wie ein Baumschlag, der uns die Aussicbt 
verwehrte? Daran, ibn auszuroden, ihn aucb nur zu lich- 
ten, denken wir kaum. Wir schreiten weiter, lassen ihn 
hinter uns und aus der Feme ist er zwar iibersehbar, aber 
undeutlich, schattenhaft und desto ratselhafter ver- 
schlungen. 

Kommentar und tfbersetzung verhalten sich zum Text 
wie Stil und Mimesis zur Natur : dasselbe Phanomen unter 
verschiedenen Betrachtungsweisen. Am Baum des heiligen 
Textes sind beide nur die ewig rauschenden Blatter, am 
Baume des profanen die rechtzeitig fallenden Frtichte. 

Wer liebt, der hangt nicht nur an „Fehlern" der Gelieb- 
ten, nicht nur an Ticks und Schwachen einer Frau, ihn 
binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte 
Kleider und ein schiefer Gang viel dauernder und unerbitt- 
licher als alle Schonheit. Man hat das langst erfahren. 
Und warum? Wenn eine Lehre wahr ist, welche sagt, 
dafi die Empfindung nicht im Kopfe nistet, daB wir ein 



Fenster, eine Wolke, einen Baum nicht im Gehim, viel- 
mehr an jenem Ort, wo wir sie sehen, enipfinden, so sind 
wir auch im Blick auf die Geliebte aufier uns. Hier aber 
qualvoll angespannt und hingerissen. Geblendet flattert 
die Empfindung wie ein Schwann von Vogeln in dem 
Glanz der Frau. Und wie Vogel Schutz in den laubigen 
Verstecken des Baumes suchen, so fltichten die Empfin- 
dungen in die schattigen Runzeln, die anmutlosen Gesten 
und unscheinbaren Makel des geliebten Leibs, wo sie ge- 
sichert im Versteck sich dueken. Und kein Voriibergehen- 
der errat, dafi gerade hier, im Mangelhaften, Tadelns- 
werten die pfeilgeschwinde Liebesregung des Verehrers 
nistet. 



16 



BAUSTELLE 



Pedantiseh fiber Herstellung von Gegenstanden — An- 
sehauungsmitteln, Spielzeug oder Biichern — die sich fur 
Kinder eignen sollen, zu grubeln, ist toricht. Seit der 
Aufklarung ist das eine der muffigsten Spekulationen 
der Padagogen. Ihre Vergaffung in Psychologie hindert sie 
zu erkennen, daU die Erde voll von den unvergleichHch- 
sten Gegenstanden kindlicher Aufmerksamkeit und Ubung 
ist. Von den bestimmtesten. Kinder namlich sind auf be- 
sondere Weise geneigt, jedwede Arbeitsstatte aufzusuchen, 
wo sichtbar die Betatigung an Dingen vor sich gebt.- Sie 
fuhlen sich unwiderstehlich vom Abfall angezogen, der 
beim Bauen, bei Garten- oder Hausarbeit, beim Schnei- 
dern oder Tischlern entsteht. In Abfallprodukten erkennen 
sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen 
allein, zukehrt. In ihnen bilden sie die Werke der Erwach- 
senen weniger nach, als dafi sie Stoffe sehr verschiedener 



Art durch das, was sie im Spiel daraus verfertigen, in 
erne neue, sprunghafte Beziehung zueinander setzen. 
Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in 
der grofien, selbst. Bie Normen dieser kleinen Dingwelt 
muBte man im Auge haben, wenn man vorsatzhch fur die 
Kinder schaffen will und es nicht vorzieht, eigene Tatig- 
keit mit alledem, was an ihr Requisit und Instrument 
ist, allein den Weg zu ihnen sich nnden zu lasseii. 



I¥IIt*IISTERlUNS DES INNERI 

Je feindlicher ein Mensch zum Uberkommenen stebt, 
desto unerbittlicber wird er sein privates Leben den 
Normen unterordnen, die er zu Gesetzgebern eines kom- 
menden gesellschaftlichen Zustands erbeben will. Es ist, 
als legten sie ihm die Verpfliebtung auf, sie, die nocb 
nirgendwo verwirklicbt sind, zum mindesten in seinem 
eigenen Lebenskreise vorzubilden. Der Mann jedoch, 
der sich in Einklang mit den altesten Uberlieferungen 
seines Standes oder seines Volkes weiB, stellt gelegent- 
lich sein Privatleben ostentativ in Gegensatz zu den 
Maximen, die er im offentlichen Leben unnachsichtlich 
vertritt und wiirdigt ohne leiseste Beklemmung des Ge- 
wissens sein eigenes Verbalten insgeheim als biindigsten 
Beweis unerscbiitterlicher Autoritat der von ihm affi- 
chierten Grundsatze. So unterscheiden sich die Typen des 
anarcho-sozialistischen und des konservativen Politikers. 



FLAGGE— — 



Wie der Abschiednehmende leicnter geliebt wird! Weil 
die Flamme fur den Sichentfernenden reiner brennt, ge- 
nahrt von dem fluchtigen Streifen Zeug, der vom Schiff 
oder Fenster des Zuges heruberwinkt. Entfernung dringt 
wie Farbstoff in den Verschwindenden und durclitrankt 
ihn mit sanfter Glut. 



»«AUF HALBIVgASY 

Stirbt ein sehr nahestehender Mensch uns dahin, so ist 
in den Entwicklungen der nachsten Monate etwas, wo von 
wir zu bemerken glauben, daB - so gern wir es mit ihm ge- 
teilt hatten - nur durch sein Fernsein es sich entfalten 
konnte. Wir grliBen ihn zuletzt in einer Spracbe, die er 
schon nicht mehr versteht. 



KAISEHPAK30S1A1VIA 



REISE DURCH DIE DEUTSCHE INFLATION 

I. In dem Scbatze jener Redewendungen, mit welchen 
die aus Dummheit und Feigheit zusammengesebweifite 
Lebensart des deutschen Burgers sich alltaglich verrat, 
ist die von der bevorstehenden Katastropbe - indem es 
ja „nicht mehr so weitergehen" konne — besonders denk- 
wurdig. Die hilflose Fixierung an die Sicherheits- und 
Besitzvorstellungen der vergangenen Jahrzehnte ver- 
hindert den Durchschnittsmenschen, die hochst bemer- 
kenswerten Stabilitaten ganz neuer Art, welche der gegen- 
wartigen Situation zugrunde liegen, zu apperzipieren. Da 



die relative Stabilisierung der Vorkriegsjahre ihn be- 
giinstigte, glaubt er, jeden Zustand, der ibn depossediert, 
fur tmstabil ansehen zu miissen. Aber stabile Verhaltnisse 
brauchen nie und nimmer angenehme Verhaltnisse zu sein 
und schon vor dem Kriege gab es Schichten, fiir welche 
die stabilisierten Verhaltnisse das stabilisierte Elend 
waren. Verfall ist um nichts weniger stabil, um nichts 
wunderbarer als Aufstieg. Nur eine Rechnung, die im 
Untergange die einzige ratio des gegenwartigen Zustandes 
zu linden sich eingesteht, kame von dem erschlaffenden 
Staunen tiber das alltaglich sich Wiederholende dazu, die 
Erscheinungen des Verfalls als das schlechthin Stabile 
und einzig das Rettende als ein fast ans Wunderbare und 
Unbegreifliehe grenzendes Aufierordentlicb.es zu gewar- 
tigen. Die Volksgemeinschaften Mitteleuropas leben wie 
Einwohner einer rings umzingelten Stadt, denen Lebens- 
mittel und Pulver ausgehen und fiir die Rettung mensch- 
lichein Ermessen nach kaum zu erwarten. Ein Fall, in 
dem Ubergabe, vielleicht auf Gnade oder Ungnade, aufs 
ernsthafteste erwogen werden miifite. Aber die stumme, 
unsichtbare Macht, welcher Mitteleuropa sich gegeniiber 
fiihlt, verhandelt nicht. So bleibt nichts, als in der immer- 
wahrendenErwartung des letzten Sturmangriffs auf nichts, 
als das Aufierordentliche, das allein noch retten kann, die 
Blicke zu richten. Dieser geforderte Zustand angespann- 
tester klagloser Aufmerksamkeit aber konnte, da wir in 
einem geheimnisvollen Kontakt mit den uns belagernden 
Gewalten stehen, das Wunder wirklich herbeifiihren. Da- 
hingegen wird die Erwartung, dafi es nicht mehr so weiter- 
gehen konne, eines Tages sich darilber belehrt finden, dafi 
es fiir das Leiden des einzelnen wie der Gemeinschaften 
nur eine Grenze, uber die hinaus es nicht mehr weiter geht, 
gibt : die Vernichtung. 



II. Erne sonderbare Paradoxic: die Leute haben nur das 
engherzigste Privatinteresse im Sinne, -wenn sie handeln, 
zugleich aber werden sie in ihrexn Verhalten mehr als 
jemals bestimmt durch die Instinkte der Masse. Und mebx 
als jemals sind die Masseninstinkte irr und dem Leben 
fremd geworden. Wo der dunkle Trieb des Tieres — wie 
zahllose Anekdoten erzahlen - aus der nahenden Gefahr, 
die noch unsichtbar scheint, den Ausgang findet, da ver- 
fallt diese Gesellschaft, deren jeder sein eigenes niederes 
Wohl allein im Auge hat, mit tierischer Dumpfheit aber 
ohne das dumpfe Wissen der Tiere, als eine blinde Masse 
jeder, auch der nachstliegenden Gefahr und die Ver- 
schiedenbeit individueller Ziele wird belanglos vor der 
Identitat der bestimmenden Krafte. Wieder und wieder 
hat es sich gezeigt, daB ihr Hangen am gewohnten, nun 
langst schon verlorenen Leben so starr ist, dafi es die 
eigentlich menschliche Anwendung des Intellekts, Vor- 
aussicht, selbst in der drastischen Gefahr vereitelt. So 
dafi in ihr das Bild der Dummheit sich vollendet: Un- 
sicherheit, ja Perversion der lebenswichtigen Instinkte 
und Ohnmacht, ja Verfall des Intellekts. Dieses ist die 
Verfassung der Gesamtheit deutscher Burger. 

III. Alle naheren menschlichen Beziehungen werden von 
einer fast unertraglichen durchdringenden Klarheit ge- 
troffen, in der sie kaum standzuhalten vermogen. Denn 
indem einerseits das Geld auf verheerende Weise im Mittel- 
punkt aller Lebensinteressen steht, andererseits gerade 
dieses die Schranke ist, vor der fast alle menschliche Be- 
ziehung versagt, so verschwindet wie im Natiirlichen so 
im Sittlichen mehr und mehr das unreflektierteVertrauen, 
Ruhe und Gesundheit. 



IV. Nicht umsonst pflegt man vom „nackten" Elend zu 
sprechen. Was in seiner Scliaustellung, welche Sitte zu 
werden begann unter dem Gesetz der Not und doch ein 
Tausendstel nur vom Verborgenen sichtbar macht, das 
Unheilvollste ist, das ist nicht das Mitleid oder das gleich 
furchtbare BewuBtsein eigener Unberuhrtheit, das im 
Betrachter geweckt wird, sondern dessen Scham. Un- 
moglich, in einer deutschen G-roBstadt zu leben, in welcher 
der Hunger die Elendsten zwingt, von den Scheinen zu 
leben, mit denen die Voriibergehenden eine BloBe zu 
decken suchen, die sie verwundet. 

V. „Armut schandet nicht." Ganz wohl. Doch sie 
schanden den Armen. Sie tun's und sie trosten ihn mit 
dem Spruchlein. Es ist von denen, die man einst konnte 
gelten lassen, deren Verfalltag nun langst gekommen. Nicht 
anders wie jenes brutale „Wer nicht arbeitet, der soil auch 
nicht essen". Als es Arbeit gab, die ihren Mann nahrte, gab 
es auch Armut, die ihn nicht schandete, wenn sie aus MiB- 
wachs und anderem Geschick ihn traf. Wohl aber schandet 
dies Darben, in das Miliionen hineingeboren, Hundert- 
tausende verstrickt werden, die verarmen. Schmutz und 
Elend wachsen wie Mauern als Werk von unsichtbaren 
Handen um sie hoch. Und wie der einzelne viel ertragen 
kann fur sich, gerechte Scham aber filhlt, wenn sein Weib 
es ihn tragen sieht und selber duldet, so darf der einzelne 
viel dulden, solang er allein, und alles, solan g er's verbirgt. 
Aber nie darf einer seinen Frieden mit Armut schlieBen, 
wenn sie wie ein riesiger Schatten ilber sein Volk und sein 
Haus fallt. Dann soil er seine Sinne wachhalten fur jede 
Demiitigung, die ihnen zuteil wird und solange sie in 
Zucht nehmen, bis sein Leiden nicht m :hr die abschiissige 
StraBe des Grams, sondern den aufsteigenden Pfad der 



Revoke gebahnt hat. Aber bier ist nicbts zu hoffen, 
solange jedes furcbtbarste, jedes dunkelste Schicksal tag- 
lich, ja stiindlich diskutiert durch die Presse, in alien 
Scheinursachen und Seheinfolgen dargelegt, niemandem 
zur Erkenntnis der dunklen Gewalten verhilft, denen sein 
Leben borig geworden ist. 



VI. Dem Auslander, welcher die Gestaltung des deut- 
sehen Lebens obenbin verfolgt, der gar das Land kurze 
Zeit bereist hat, erscheinen seine Bewohner nicht minder 
fremdartig als ein exotischer Volksschlag. Ein geistreicber 
Franzose hat gesagt : „In den seltensten Fallen wird sich 
ein Deutseher iiber sich selbst klar sein. Wird er sich ein- 
mal klar sein, so wird er es nicht sagen. Wird er es sagen, 
so wird er sich nicht verstandlich machen." Diese trost- 
lose Distanz bat der Krieg nicht etwa nur durcb die wirk- 
lichen und legendaren Schandtaten, die man von Deut- 
schen berichtete, erweitert. Was vielmehr die groteske 
Isolierung Deutschlands in den Augen anderer Europaer 
erst vollendet, was in ihnen im Grunde die Einstellung 
schafft, sie hatten es mit Hottentotten in den Deutschen 
zu tun (wie man dies sehr richtig genannt hat), das ist die 
Auiienstehenden ganz unbegreifliche und den Gefangenen 
vollig unbewufite Gewalt, mit welcher die Lebensum- 
stande, das Elend und die Dummbeit auf diesem Sehau- 
platz die Menschen den Gemeinschaftskraften untertan 
machen, wir nur das Leben irgendeines Primitiven von den 
Clangesetzlichkeiten bestimmt wird. Das europaischste 
aller Gttter, jene mehr oder minder deutliche Ironie, mit 
der das Leben des einzelnen disparat dem Dasein jeder 
Gemeinschaft zu verlaufen beansprucht, in die er verschla- 
gen ist, ist den Deut, r ehen ganzlich abhanden gekommen. 



VII. Die Freiheit des Gespraches geht verloren. Wenn 
friiher unter Menschen im Gesprach Eingehen auf den 
Partner sich von selbst verstand, wird es nun durch 
die Frage nach dem Preise seiner Schuhe oder seines 
Regenschirmes ersetzt. Unabwendbar drangt sich in jede 
gesellige Unterhaltung das Thema der Lebensverhaltnisse, 
des Geldes. Dabei gebt es nicht sowohl urn Sorgen und 
Leiden der einzelnen, in welchen sie vielleicht einander zu 
helfen vermochten, als um die Betrachtung des Ganzen. 
Es ist, als sei man in einem Theater gefangen und miisse 
dem Stuck auf der Biihne folgen, ob man wolle oder nicht, 
miisse es immer wieder, ob man wolle oder nicht, zum 
Gegenstand des Denkens und Sprechens machen. 

VIII. Wer sich der Wahrnehmung des Verfalls nicht ent- 
zieht, der wird unverweilt dazu iibergehen, eine besondere 
Rechtfertigung fur sein Verweilen, seine Tatigkeit und 
seine Beteiligung an diesem Chaos in Anspruch zu nehmen. 
So viele Einsichten ins allgemeine Versagen, so viele Aus- 
nahmen fur den eigenen Wirkungskreis, Wohnort und 
Augenblick. Der blinde Wille, von der personliehen 
Existenz eher das Prestige zu retten, als durch die sou- 
verane Abschatzung ihrer Ohnmacht und ihrer Verstrickt- 
heit wenigstens vom Hintergrunde der allgemeinen Ver- 
blendung sie zu losen, setzt sich fast iiberall durch. Darum 
ist die Luft so voll von Lebenstheorien und Weltanschau- 
ungen, und darum wirken sie hierzulande so anmaBend, 
weil sie am Ende fast stets der Sanktion irgendeiner ganz 
nichtssagenden Privatsituation gelten. Eben darum ist sie 
auch so voll von Trugbildern, Luftspiegehmgen einer trotz 
allem tiber Nacht bhihend hereinbrechenden kulturellen 
Zukunft, Weil jeder auf die optischen Tauschungen seines 
isolierten Standpunktes sich verpflichtet. 



IX. Die Menschen, die im Umkreise dieses Landes ein- 
gepfercht sind, haben den Blick fur den Kontur der 
menschlichen Person verloren. Jeder Freie erscheint vor 
ihnen als Sonderling. Man stelle sich die Bergketten der 
Hochalpen vor, jedoeh nicht gegen den Himmel abgesetzt, 
sondern gegen die Falten eines dunklen Tuehes. Nur un- 
deutlich wiirden die gewaltigen Formen sich abzeichnen. 
Ganz so hat ein schwerer Vorhang Deutschlands Himmel 
verhangt und wir sehen die Profilierung selbst der grilfiten 
Menschen nicht mehr. 



X. Aus den Dingen schwindet die Warme. Die Gegen- 
stande des taglichen Gebrauchs stoBen den Menschen 
sacht aber beharrlich von sich ab. In summa hat er tag- 
taglich mit der Uberwindung der geheimen Widerstande 
- und nicht etwa nur der offenen — , die sie ihm entgegen- 
setzen, eine ungeheure Arbeit zu leisten. Ihre Kalte muB 
er mit der eigenen Warme ausgleichen, um nicht an ihnen 
zu erstarren und ihre Stacheln mit unendlicher Geschick- 
lichkeit anfassen, um nicht an ihnen zu verbluten. Von 
seinen Nebenmenschen erwarte er keine Hilfe. Schaffner, 
Beamte, Handwerker und Verkaufer — sie alle fiihlen sich 
als Vertreter einer aufsassigen Materie, deren Gefahrlich- 
keit sie durch die eigene Roheit ins Licht zu setzen be- 
strebt sind. Und der Entartung der Dinge, mit welcher 
sie, dem menschlichen Verfalle folgend, ihn zuchtigen, ist 
selbst das Land verschworen. Es zehrt am Menschen wie 
die Dinge, und der ewig ausbleibende deutsche Fruhling ist 
nur eine unter zahllosen verwandten Erscheinungen der 
sich zersetzenden deutschen Natur. In ihr lebt man, als 
sei der Druck der Luftsaule, dessen Gewicht jeder tragt, 
wider alles Gesetz in diesen Landstrichen plotzlich fuhlbar 
geworden. 



XI. Der Entfaltung jeder menschlichen Bewegung, mag 
sie geistigen oder selbst nattirlicben Impulsen entspringen, 
ist der maBlose Widerstand der Umwelt angesagt. Woh- 
nungsnot und Verkehrsteuerung sind am Werke, das ele- 
mentare Sinnbild europaischer Freiheit, das in gewissen 
Formen selbst dem Mittelalter gegeben war, die Frei- 
ztigigkeit, vollkommen zu vernicbten.Und wenn der mittel- 
alterlicbe Zwang den Menscben an natiirliche Verbande 
fesselte, so ist er nun in unnatiirliche Gemeinsamkeit ver- 
kettet. Weniges wird die verhangnis voile Gewalt des urn- 
sichgreifenden Wandertriebes so starken, wie die Abschmi- 
rung der Freiziigigkeit, und niemals bat die Bewegungs- 
freibeit zum Reicbtum der Bewegungsmittel in einem 
groBeren MiBverhaltnis gestanden. 

XII. Wie alle Dinge in einem unaufbaltsamen ProzeB 
der Vermiscbung und Verunreinigung um ibren Wesens- 
ausdruck kommen und sicb Zweideutiges an die Stelle des 
Eigentlicben setzt, so aucb die Stadt. GroBe Stadte, deren 
unvergleichlicb berubigende und bestatigende Macbt den 
ScbafFenden in einen Burgfrieden scblieBt und mit dem 
Anblick des Horizonts aucb das BewuBtsein der immer 
wacbenden Elementarkrafte von ibm zu nebmen vermag, 
zeigen sicb allerorten durcbbrocben vom eindringenden 
Land. Nicht von der Landscbaft, sondern von dem, was 
die freie Natur Bitterstes hat, vom Ackerboden, von 
Cbaussee, vom Nacbtbimmel, den keine rot vibrierende 
Scbicbt mebr verhiillt. Die Unsicberbeit selbst der be- 
lebten Gegenden versetzt den Stadter vollends in jene 
undurcbsicbtige und im hocbsten Grade grauenvolle 
Situation, in der er unter den Unbilden des vereinsamten 
Flachlandes die Ausgeburten der stadtiscben Architek- 
tonik in sich aufnehmen mu8. 



XIII. Eine edle Indifferenz gegen die Spbaren des Reich- 
tums und der Armut ist den Dingen, die hergestellt wer- 
den, vollig abhanden gekommen. Ein jedes stempelt seinen 
Besitzer ab, der nur die Wahl hat, als armer Schlucker 
oder Schieber zu erscbeinen. Denn wahrend selbst der 
wabre Luxus von der Art ist, daB Geist und Geselligkeit 
ihn zu durcbdringen und in Vergessenbeit zu bringen ver- 
mogen, tragt, was hier von Luxuswaren sich breit macbt, 
eine so scbamlose Massivitat zur Scbau, daB jede geistige 
Ausstrahlung daran zerbricht. 



26 



XIV. Aus den altesten Gebrauchen der Volker scbeint 
es wie eine Warming an uns zu ergeben, im Entgegen- 
nehmen dessen, was wir von der Natur so reicb empfangen, 
uns vor der Geste der Habgier zu huten. Denn wir ver- 
mogen nicbts der Muttererde aus Eigenem zu schenken. 
Daher gebubrt es sicb, Ebrfurcbt im Nebmen zu zeigen, 
indeni von allem, was wir je und je empfangen, wir einen 
Teil an sie zurtickerstatten, noch ebe wir des Unseren uns 
bemachtigen. Diese Ehrfurcht spricht aus dem alten 
Braucb der libatio. Ja vielleicht ist es diese uralte sittlicbe 
Erfahrung, welche selbst in dem Verbot, die vergessenen 
Abren einzusammeln und abgefallene Trauben aufzulesen, 
sicb verwandelt erhielt, indem diese der Erde oder den 
segenspendenden Abnen zugute kommen. Nacb atbeni- 
scbem Braucb war das Auflesen der Brosamen bei der 
Mablzeit untersagt, weil sie den Heroen geboren. — Ist 
einmal die Gesellscbaft unter Not und Gier soweit ent- 
artet, daB sie die Gaben der Natur nur nocb raubend 
empfangen kann, daB sie die Frucbte, inn sie gunstig auf 
den Markt zu bringen, unreif abreifit und jede Scbussel, 
um nur satt zu Werden, leeren muB, so wird ibre Erde ver- 
armen und das Land schlecbte Ernten bringen. 



YIEFBAU-ARBE1TEH 

Im Traum sah icb ein odes Gelande. Das war der Markt- 
platz von Weimar. Dort wurden Ausgrabungen veran- 
staltet. Auch ich scbarrte ein biBcben im Sande. Da kam die 
Spitze eines Kirchturms bervor. Hoch erfrent dacbte icb 
mir: ein mexikaniscbes Heiligtum aus der Zeit des Pra- 
animismus, dem Anaquivitzli. Icb erwacbte mit Lacben. 
(Ana = dvd; vi = vie; witz = mexikanische Kircbe [!]) 



COIFFEUR FUR PENIBLE DASVlEfc 

Dreitausend Damen und Herren vom Kurftirstendamm 
sind eines Morgens wortlos aus den Betten zu verbaften 
und vierundzwanzig Stunden festzusetzen. Um Mitter- 
nacbt verteilt man in den Zellen einen Fragebogen uber 
die Todesstrafe, ersucbt aucb dessen Unterzeicbner, anzu- 
geben, welcbe Hinricbtungsart sie personlicb im gegebenen 
Falle zu wablen dacbten. Dies Scbriftstiick batten in 
Klausur „nach bestem Wissen" die auszufiillen, die bisber 
nur ungefragt sicb „nacb bestem Gewissen" zu aufiern 
pflegten. Nocb vor der ersten Frube, die von alters beilig, 
bierzulande aber dem Henker geweibt ist, ware die Frage 
der Todesstrafe geklart. 

ACHTUNCI STUFEU 

Arbeit an einer guten Prosa bat drei Stufen: eine musi- 
kaliscbe, auf der sie komponiert, eine arcbitektoniscbe, 
auf der sie gebaut, endlicb eine textile, auf der sie gewoben 
wird. 



YEREIDIQTEH BUCHERREVISOR 



Die Zeit steht, wie inKontrapost zur Renaissance schlecht- 
hin, so insbesondere im Gegensatz zur Situation, in der 
die Buchdruckerkunst erfunden wurde. Mag es namlich 
ein Zufall sein oder nicht, ihr Erscheinen in Deutsch- 
land fallt in die Zeit, da das Buch im eminenten 
Sinne des Wortes, das Buch der Bticher durch Luthers 
Bibeliibersetzung Volksgut wurde. Nun deutet alles dar- 
auf hin, daB das Buch in dieser uberkommenen Gestalt 
seinem Ende entgegengeht. Mallarme, wie er mitten in 
der kristallinischen Konstruktion seines gewiB traditio- 
nalistischen Schrifttums das Wahrbild des Kommenden 
sah, hat zum ersten Male im „Coup de des" die gra- 
phischen Spannungen der Reklame ins Schriftbild ver- 
arbeitet. Was danach von Dadalsten an Schriftversuchen 
unternommen wurde, ging zwar nicht vom Konstruktiven, 
sondern den exakt reagierenden Nerven der Literaten 
aus und war darum weit weniger bestandhaft als Mallarmes 
Versuch, der aus dem Innern seines Stils erwuchs. Aber 
es laBt eben dadurch die Aktualitat dessen erkennen, 
was monadisch, in seiner verschiossensten Kammer, 
Mallarme in prastabilierter Harmonie mit allem dem 
entscheidenden Geschehen dieser Tage in Wirtschaft, 
Technik, offentlichem Leben auffand. Die Schrift, die 
im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr 
autonomes Dasein fiihrte, wird unerbittlich von Reklamen 
auf die StraBe hinausgezerrt und den brutalen Heterono- 
mien des wirtschaftlichen Chaos unterstellt. Das ist der 
strenge Schulgang ihrer neuen Form. Wenn vor Jahrhun- 
derten sie allmahlich sich niederzulegen begann, von 
der aufrechten Inschrift zur schrag auf Pulten ruhen- 
den Handschrift ward, um endlich sich im Buchdruck zu 



betten, beginnt sie nun ebenso langsam sicb wieder vom 
Boden zu heben. Bereits die Zeitung wird mehr in der Senk- 
rechten als in der Horizontale gelesen, Film und Reklame 
drangen die Scbrift vollends in die diktat orische Vertikale. 
Und ebe der Zeitgenosse dazu kommt, ein Bucb aufzu- 
scblagen, ist liber seine Augen ein so dicbtes Gestober von 
wandelbaren,farbigen,streitendenLetternniedergegangen, 
dafi die Chancen seines Eindringens in die archaiscbe StUle 
des Bucbes gering geworden sind. Heuschreckenschwarme 
von Scbrift, die beute scbon die Sonne des vermeinten 
Geistes den GroBstadtern verfinstern, werden dichter mit 
jedem folgenden Jahre werden. Andere Erfordernisse des 
Geschaftslebens ffihren weiter. Die Kartothek bringt die 
Eroberung der dreidimensionalen Scbrift, also einen iiber- 
raschenden Kontrapunkt zur Dreidimensionalitat der 
Scbrift in ihrem Ursprung als Rune oder Knotenscbrift. 
(Und beute scbon ist das Buch, wie die aktuelle wissen- 
scbaftlicbe Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermitt- 
lung zwischen zwei verscbiedenen Kartothekssystemen. 
Denn alles Wesentlicbe findet sich im Zettelkasten des 
Forscbers, der's verfaBte, und der Gelebrte, der darin 
studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek.) Aber es 
ist ganz auBer Zweifel, daB die Entwicklung der Scbrift 
nicht ins Unabsebbare an die Macbtansprticbe ernes chao- 
tischen Betriebes in Wissenschaft und Wirtscbaft gebunden 
bleibt, vielmebr der Augenblick kommt, da Quantitat 
in Qualitat umscblagt und die Scbrift, die immer tiefer in 
das grapbiscbe Bereicb ihrer neuen exzentriscben Bildlicb- 
keit vorstoBt,mit einemMale ibrer adaquaten Sacbgebalte 
babbaft wird. An dieser Bildersebrift werden Poeten, die 
dann wie in Urzeiten vorerst und vor allem Schriftkundige 
sein werden, nur mitarbeiten konnen, wenn sie sich die 
Gebiete erschlieBen, in denen (ohne viel Aufhebens von 



sich zu machen) deren Konstruktion sich vollzieht : die des 
statistischen und technischen Diagramms. Mit der Be- 
griindung einer internationalen Wandelschrift werden sie 
ihre Autoritat im Leben der Volker erneuern und eine 
Rolle vorfinden, im Vergleich zu der alle Aspirationen auf 
Erneuerung der Rhetorik sich als altfrankische Tr&ume- 
reien erweisen werden. 



so ■; 



LEHRSV8STTEL 

PRINZIPIEN DERWALZER ODER DIE 
KUNST, DICKE BUCHER ZU MACHEN 

I. Die ganze Ausfiihrung muB von der dauernden wort- 
reichen Darlegung der Disposition durcrtwachsen sein. 

II. Termini fur Begriffe sind einzufiihren, die auBer bei 
dieser Definition selbst im ganzen Buch nicht mehr vor- 
kommen. 

III. Die im Text nriihselig gewonnenen begrifFlichen 
Distinktionen sind in den Anmerkungen zu den betreffen- 
den Stellen wieder zu verwischen. 

IV. Fiir Begriffe, iiber die nur in ihrer allgemeinen Be- 
deutung gehandelt wird, sind Beispiele zu geben : wo etwa 
von Maschinen die Rede ist, sind alle Arten derselben auf- 
zuzahlen. 

V. Alles, was a priori von einem Objekt feststebt, ist 
durch eine Ftille von Beispielen zu erharten. 

VI. Zusammenhange, die grapbisch darstellbar sind, miis- 
sen in Worten ausgefiibrt werden. Statt etwa einen 
Stammbaum zu zeicbnen, sind alle Verwandtschaftsver- 
haltnisse abzuscbildern und zu beschreiben. 

VII. Von mebreren Gegnern, denen dieselbe Argumen- 
tation gemeinsam ist, ist jeder einzeln zu widerlegen. 



Das Durcbschnittswerk des heutigen Gelehrten will Wie 
ein Katalog gelesen sein. Wann aber wird man soweit 
sein, Bticber wie Kataloge zu schreiben? 1st das schlechte 
Innere dergestalt in das AuBere gedrungen, so entsteht ein 
vortrefflicbes Schriftwerk, in dem der Wert der Meinungen 
beziffert ist, ohne da6 sie deswegen feilgeboten wiirden. 

Die Scbreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des 
Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit 
typograpbischer Formungen unmittelbar in die Konzep- 
tion seiner Biicher eingebt. Vermutlicb wird man dann 
neue Systeme mit variablerer Scbriftgestaltung benotigen. 
Sie werden die Innervation der befehlenden Finger an die 
Stelle der gelaufigen Hand setzen. 

Eine Periode, die, metriscb konzipiert, nacbtraglich an 
einer einzigen Stelle im Rbythmus gestort wird, macht 
den scbonsten Prosasatz, der sicb denken laBt. So fallt 
dureb eine kleine Brescbe in der Mauer ein Licbtstrabl 
in die Stube des Alcbemisten und laBt Kristalle, Kugeln 
und Triangel aufblitzen. 

DEUTSCHE TR9NKT OEUTSCHES BEER! 

Der Pobel ist von dem frenetiscben HaB gegen das geistige 
Leben besessen, der die Gewahr far dessen Vernicbtung 
in der Abzahlung der Leiber erkannt bat. Wo man's ihnen 
irgend verstattet, stellen sie sicb in Reih und Glied, 
ins Trommelfeuer und zur Warenbausse drangen sie 
marscbmaBig. Keiner sieht weiter als in den Rucken des 
Vordermanns und jeder ist stolz, dergestalt vorbildlicb ftir 
den Folgenden zu beiBen. Das baben im Felde die Manner 
seit Jahrbunderten berausgebabt, aber den Parademarscb 
des Elends, das Anstellen, baben die Weiber erfunden. 



ANtCLEBEN VEKBOTEN! 



DIE TECHNIK DES SCHRIFTSTELLERS 
IN DREIZEHN THESEN 

I. Wer an die Niederschrift eines groBeren Werks zu 
gehen beabsichtigt, lasse sich's wohl sein und gewahre sich 
nach erledigtem Pensum alles, was die Fortfiihrung nicht 
beeintrachtigt. 

II. Sprich vom Geleisteten, wenn du willst, jedoch lies 
wahrend des Verlaufes der Arbeit nicht daraus vor. Jede 
Genugtuung, die du dir hierdurch verschaffst, hemmt dein 
Tempo. Bei der Befolgung dieses Regimes wird der zu- 
nehmende Wunsch nach Mitteilung zuletzt ein Motor der 
Vollendung. 

III. In den Arbeitsumstanden sxiche dem MittelmaB des 
Alltags zu entgeben. Halbe Rube, von schalen Gerauscben 
begleitet, entwiirdigt. Dagegen vermag die Begleitung 
einer Etude oder von Stimmengewirr der Arbeit ebenso 
bedeutsam zu werden, wie die vernehmliche Stille der 
Nacbt. Scharft diese das innere Obr, so wird jene zum 
Priifstein einer Diktion, deren Fiille selbst die exzen- 
triscben Gerauscbe in sieb begrabt. 

IV. Meide beliebiges Handwerkszeug. Pedantisches Be- 
harren bei gewissen Papieren, Federn, Tinten ist von 
Nutzen. Nicht Luxus, aber Fiille dieser Utensilien ist un- 
erlafilich. 

V. Lafi dir keinen Gedanken inkognito passieren und 
fiibre dein Notizheft so streng wie die Behorde das Frem- 
denregister. 

VI. Mache deine Feder sprode gegen die Eingebung, und 
sie wird mit der Kraft des Magneten sie an sicb ziehen. 
Je besonnener du mit der Niederschrift eines Einfalls ver- 



ziehst, desto reifer entfaltet wird er sich dir ausliefern. 
Die Rede erobert den Gedanken, aber die Schrift be- 
herrscht ihn. 

VII. Hore niemals mit Schreiben auf, weil dir nichts mehr 
einfallt. Es ist ein Gebot der literarischen Ebre, nur dann 
abzubrechen, wenn ein Termin (eine Mahlzeit, eine Verab- 
redung) einzuhalten oder das Werk beendet ist- 

VIII. Das Aussetzen der Eingebung fiille aus mit der saube- 
ren Abschrift des Geleisteten. Die Intuition wird dariiber 
erwachen. 

IX. Nulla dies sine linea - wohl aber Wochen. 

X. Betrachte niemals einWerk als vollkommen, uber dem du 
nicht einmal vom Abend bis zum hellen Tage gesessen hast. 

XI. Den AbschluB des Werkes schreibe nicht im gewohn- 
ten Arbeitsraume nieder. Du wiirdest den Mut dazu in ihm 
nicht finden. 

XII. Stufen der Abfassung: Gedanke - Stil - Schrift. Es 
ist der Sinn der Reinschrift, daB in ihrer Fixierung die 
Aufmerksamkeit nur mehr der Kalligraphie gilt. Der Ge- 
danke totet die Eingebung, der Stil fesselt den Gedanken, 
die Schrift entlohnt den Stil. 

XIII. Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption. 

DREIZEHN THESEN WIDER SNOBISTEN 

(Snob im Privatkontor der Kunstkritik. Links eine Kin- 
derzeichnung, rechts ein Fetisch. Snob: „Da kann der 
ganze Picasso einpacken.") 

I. Der Kunstler macht Der Primitive aufiert sich in 

ein Werk. Dokumenten. 

II. DasKunstwerkistnur Kein Dokument ist als ein 

nebenbei ein Doku- solches Kunstwerk. 
ment. 



III. Das Kunstwerk ist 
em Meisterstuck. 

IV. Am Kunstwerk lernen 
Riinstler das Metier. 

V. Kunstwerke stehen 
eins dem andern fern 
durch Vollendung. 
VI. Inhalt und Form sind 
im Kunstwerk eins : 
Gehalt. 
VII. Gehalt ist das Er- 
probte. 
VIII. Im Kunstwerk ist der 
Stoff ein Ballast, den 
die Betrachtung ab- 
wirft. 
IX. Im Kunstwerk ist das 
Formgesetz zentral. 
X. Das Kunstwerk ist 
synthetisch : Kraft- 
zentrale. 
XI. Im wiederbolten An- 
blick steigert sich ein 
Kunstwerk. 
XII. Die Mannlichkeit der 
Werke ist im Angriff. 
XIII. Der Kiinstler gebt auf 
die Eroberung vonGe- 
halten. 



Das Dokument dient als 

Lehr stuck. 

Vor Dokumenten wird ein 

Publikum erzogen. 

Im Stofflicben kommunizie- 

ren alle Dokumente. 

In Dokumenten berrsebt 
durcbaus der Stoff. 

Stoff ist das Getraumte. 

Je tiefer man sich in ein 
Dokument verliert, desto 
dicbter: Stoff. 

Ins Dokument sind Formen 
nur versprengt. 
Die Fruchtbarkeit des Do- 
kuments will: Analyse. 

Ein Dokument bewaltigt 
nur durch Uberraschung. 

Dem Dokument ist seine 
Unschuld eine Deckung. 
Der primitive Mensch ver- 
schanzt sich hinter Stoffen. 



DIE TECHNIK DES KRITIKERS IN 

DREIZEHN THESEN 

I. Der Kritiker ist Stratege im Literaturkampf. 

II. Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen. 

III. Der Kritiker hat mit dem Deuter von vergangenen 
Kunstepochen nichts zu tun. 

IV. Kritik mu6 in der Sprache der Artisten reden. Denn 
die Begriffe des cenacle sind Parolen. Und nur in den 
Parolen tont das Kampfgeschrei. 

V. Immer muB ,Sachlichkeit' dem Parteigeist geopfert 
werden, wenn die Sache es wert ist, urn welche der Kampf 
geht. 

VI. Kritik ist eine moralische Sache. Wenn Goethe Hol- 
derlin und Kleist, Beethoven und Jean Paul verkannte, so 
trifft das nicht sein Kunstverstandnis, sondern seine Moral. 

VII. Fur den Kritiker sind seine Kollegen die hohere In- 
stanz. Nicht das Publikum. Erst recht nicht die Nachwelt. 

VIII. Die Nachwelt vergiGt oder riihmt. Nur der Kritiker 
richtet im Angesicht des Autors. 

IX. Polemik heifJt, ein Buch in wenigen seiner Satze ver- 
nichten. Je weniger man es studierte, desto besser. Nur 
wer vernichten kann, kann kritisieren. 

X. Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, 
wie ein Kannibale sich einen Saugling zuriistet. 

XI. Kunstbegeisterung ist dem Kritiker fremd. Das Kunst- 
werk ist in seiner Hand die blanke Waffe in dem Kampfe 
der Geister. 

XII. Die Kunst des Kritikers in nuce : Schlagworte pragen, 
ohne die Ideen zu verraten. Schlagworte einer unzulang- 
lichen Kritik verschachern den Gedanken an die Mode. 

XIII. Das Publikum mufi stets Unrecht erhalten und sich 
doch immer durch den Kritiker vertreten fiihlen. 



MR. 13 



„Treize — j'eus un plaisir cruel de rtCarr&ter 
sur ce nombre." Marcel Proust 

„Le reploiement vierge du lime, encore, preie 
a un sacrifice dont seigna la tranche rouge des 
anciens tomes; Vintroduction d'une arme, ou 
coupe-papier, pour etablir la prise de posses- 
sion." Stephane Mallarme 

I. Biicher und Dirnen kann man ins Bett nehmen. 

II. Biicher und Dirnen verschranken die Zeit. Sie be- 
herrschen die Nacht wie den Tag und den Tag wie die 
Naeht. 

III. Biichern und Dirnen sieht es keiner an, daG die Minuten 
ihnen kostbar sind. LaBt man sich aber naher mit ihnen 
ein, so merkt man erst, wie eilig sie es haben. Sie zahlen 
mit, indem wir uns in sie vertiefen. 

IV. Biicher und Dirnen haben seit jeher eine unghickliche 
Liebe zueinander. 

V. Biicher und Dirnen - sie haben jedes ihre Sorte Mariner, 
die von ihnen leben und sie drangsalieren. Biicher die Kri- 
tiker. 

VI. Biicher und Dirnen in offentlichen Hausern - fur 
Studenten. 

VII. Biicher und Dirnen - selten sieht einer ihr Ende, der 
sie besafi. Sie pflegen zu verschwinden, bevor sie vergehen. 

VIII. Biicher und Dirnen erzahlen so gern und so verlogen, 
wie sie es geworden sind. In Wahrheit merken sie's oft 
selber nicht. Da geht man jahrelang ,aus Liebe' allem 
nach und eines Tages steht als wohlbeleibtes Korpus auf 
dem Strich, was ,studienhalber' immer nur dariiber 
schwebte. 

IX. Biicher und Dirnen lieben es, den Rucken zu wenden, 
wenn sie sich ausstellen. 

X. Biicher und Dirnen machen viel junge. 



XI. Bucher und Dirnen - „Alte Betschwester - junge 
Hure". Wieviele Bucher Waren nicht verrufen, aus denert 
heut die Jugend lernen soil! 

XII. Bucher und Dirnen tragen ihren Zank vor die Leute, 

XIII. Bucher und Dirnen — FuBnoten sind bei den einen, 
was bei den andern Geldscbeine im Strumpf. 



WAFFEN UNO MUNSTIO 

Ich war in Riga, urn eine Freundin zu besuchen, an- 
gekommen. Ihr Haus, die Stadt, die Sprache waren mir 
unbekannt. Kein Menscb erwartete mich, es kannte micb 
niemand. Ich ging zwei Stunden einsam durch die StraBen. 
So babe ich sie nie wiedergesehen. Aus jedem Haustor 
schlug eine Stichflamme, jeder Eckstein stob Funken und 
jede Tram kam wie die Feuerwehr dahergefahren. Sie 
konnte ja aus dem Tore treten, um die Ecke biegen und in 
der Tram sitzen. Von beiden aber muBte ich, um jeden 
Preis, der erste werden, der den andern sieht. Denn hatte 
sie die Lunte ihres Blicks an mich gelegt - ich hatte wie 
ein Munitionslager auffliegen mussen. 



ERSTE HSLFE 

Ein hochst verworrenes Quartier, ein StraBennetz, das 
jahrelang von mir gemieden wurde, ward mir mit einem 
Schlage iibersichtlich, als eines Tages ein geliebter Mensch 
dort einzog. Es War, als sei in seinem Fenster ein Schein- 
werfer aufgestellt und zerlege die Gegend mit Licht- 
biischeln. 



SNNENARCHITEKTUR 



38 



Der Traktat ist eine arabische Form. Sein AuBeres ist un- 
abgesetzt und unauffallig, der Fassade arabiseher Bauten 
entsprecbend, deren Gliederung erst im Hofe anbebt. So 
ist auch die gegliederte Struktur des Traktats von auBen 
nicht wabrnebmbar, sondern eroffnet sicb nur von innen. 
Wenn Kapitel ihn bilden, so sind sie nicbt verbal iiber- 
scbrieben, sondern ziffernmaBig bezeichnet. Die Flacbe 
seiner Deliberationen ist nicbt maleriscb belebt, vielmebr 
mit den Netzen des Ornaments, das sicb brucblos fort- 
scblingt, bedeckt. In der ornamentalen Dichtigkeit dieser 
Darstellung entfallt der Unterscbied von tbematischen 
und exkursiven Ausfiibrungen. 



PAPIER UND SCHRE1BWAHEN 

PHARUS-PLAN. Ich kenne eine, die geistesabwesend ist. 
Wo mir die Namen meiner Lieferanten, der Aufbewab- 
rungsort von Dokumenten, Adressen meiner Freunde und 
Bekannten, die Stunde eines Rendezvous gelaufig sind, 
da baben ihr politiscbe Begriffe, Scblagworte der Partei, 
Bekenntnisformeln und Befeble sicb festgesetzt. Sie lebt 
in einer Stadt der Parolen und wobnt in einem Quartier 
verschworener und verbriiderter Vokabeln, wo jedes Ga6- 
chen Far be bekennt und jedes Wort ein Feldgescbrei zum 
Ecbo bat. 



WUNSCHBOGEN. „Tut ein Scbilf sich doch bervor - 
Welten zu versuBen - Moge meinem Schreiberobr - Lieb- 
licbes entflieBen !" - das folgt der „Seligen Sehnsucht" 
wie eine Perle, die der geoffneten Muscbelscbale entrolltist. 



TASCHENKALENDER. Fur den nordischen Menschen 
ist weniges so bezeichnend als dies, daB, wenn er liebt, 
er vor allem einmal und am jeden Preis mit sich selber 
allein sein muB, sein Gefuhl vorerst selbst betrachten, 
genieBen muB, ehe er zu der Frau geht und es erklart. 

BRIEFBESCHWERER. Place de la Concorde: Obelisk. 
Was vor viertausend Jabren darein ist gegraben worden, 
steht beut im Mittelpunkt des groBten aller Platze. Ware 
das ihm geweissagt worden - welcher Triumph fur den 
Pbarao! Das erste abendlandische Kulturreich wird 
einmal in seiner Mitte den Gedenkstein seiner Herr- 
schaft tragen. Wie sieht in Wahrheit diese Glorie aus? 
Nicbt einer von Zehntausenden, die hier vorubergeben, 
bait inne ; nicbt einer von Zebntausenden, die innebalten, 
kann die Aufscbrift lesen. So lost ein jeder Rubm Ver- 
sprocbenes ein, und kein Orakel gleicht ihm an Verschla- 
genheit. Denn der Unsterblicbe steht da wie dieser Obe- 
lisk: er regelt einen geistigenVerkehr, der ihn umtost, und 
keinem ist die Inschrift, die darein gegraben ist,von Nutzen. 



GALANTERBEWAREH 

Unvergleichliche Sprache des Totenkopfes: vollige Aus- 
druckslosigkeit - das Schwarz seiner Augenhohlen - ver- 
eint er mit wildestem Ausdruck - den grinsenden Zabn- 
reihen. 

Einer, der sicb verlassen glaubt, liest und es schmerzt 
ibn, daB die Seite, die er umschlagen will, schon auf- 
geschnitten ist, daB nicbt einmal sie mehr ihn braucht. 



Gaben mtissen den Beschenkten so tief betreffen, daB er 
erscbrickt. 

Als ein gescbatzter, kultivierter und eleganter Freund mir 
sein neues Bucb tibersandte, iiberrascbte icb micb dabei, 
wie ich, im Begriff es zu offnen, meine Krawatte zurecbt 
riickte. 

Wer die Umgangsformen beacbtet, aber die Luge verwirft, 
gleicht einem, der sicb zwar modiscb kleidet, aber kein 
Hemd auf dem Leibe tragt. 

Wenn der Zigarettenrauch in der Spitze und die Tinte im 
Fullhalter gleicb leicbten Zug batten, dann ware icb im 
Arkadien meiner Scbriftstellerei. 

Gliicklicb sein heiflt ohne Schrecken seiner selbst inne- 
werden konnen. 



¥iEeGROSSERUNOEH 



LESENDES KIND. Aus der Scbulerbibliotbek bekommt 
man ein Bucb. In den unteren Klassen wird ausgeteilt. 
Nur hin und wieder wagt man einen Wunscb. Oft siebt 
man neidiscb ersebnte Bticber in andere Hande gelangen. 
Endlicb bekam man das seine. Fur eine Wocbe war man 
ganzlicb dem Treiben des Textes anbeimgegeben, das mild 
und beimlicb, dicbt und unablassig, wie Schneeflocken 
einen umfing. Dabinein trat man mit grenzenlosem Ver- 
trauen. Stille des Bucbes, die weiter und weiter lockte ! 
Dessen Inbalt war gar nicbt so wichtig. Denn die Lektiire 
fiel noch in die Zeit, da man selber Geschicbten im Bett 



sich ausdachte. Ihren halbverwehtenWegen spurt das Kind 
nach. Beim Lesen halt es sich die Ohren zu; sein Buch 
liegt auf dem viel zu hohen Tisch und eine Hand liegt im- 
mer auf dem Blatt. Ihm sind die Abenteuer des Helden 
noch im Wirbel der Lettern zu lesen wie Figur und Bot- 
schaft im Treiben der Flocken. Sein Atem steht in der 
Luft der Geschehnisse und alle Figuren hauchen es an. 
Es ist viel naher unter die Gestalten gemischt als der 
Erwachsene. Es ist unsaglich betrofFen von dem Geschehen 
und den gewechselten Worten und wenn es aufsteht, ist 
es iiber und iiber beschneit vom Gelesenen. 

ZU SPAT GEKOMMENES KIND. Die Uhr im Schulhof 
sieht beschadigt aus durch seine Schuld. Sie steht auf „Zu 
spat". Und in den Flur dringt aus den Klassentiiren, wo 
es vorbeistreicht, Murmeln von geheimer Beratung. Lehrer 
und Schiiler dahinter sind Freund. Oder es schweigt alles 
still, als erwartete man einen. Unhorbar legt es die Hand 
an die Klinke. Die Sonne trankt den Flecken, wo es steht. 
Da schandet es den griinen Tag und offnet. Es hort die 
Lehrerstimme wie ein Miihlrad klappern; es steht vor dem 
Mahlwerk. Die klappernde Stimme behalt ihren Takt, aber 
die Knechte werfen nun alles ab auf das neue; zehn, 
zwanzig schwere Saeke fliegen ihm zu, die muB es zur 
Bank tragen. An seinem Mantelchen ist jeder Faden wei8 
bestaubt. Wie eine arme Seele um Mitternacht macht es 
bei jedem Schritt Getose, und keiner sieht es. Sitzt es dann 
auf dem Platz, so schafft es leise mit bis Glockenschlag. 
Aber es ist kein Segen dabei. 

NASCHENDES KIND. Im Spalt des kaum geofiketen 
Speiseschranks dringt seine Hand wie ein Liebender durch 
die Nacht vor. Ist sie dann in der Finsternis zu Hause, 



so tastet sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen 
oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er's 
kiiBt, sein Madchen umarmt, so hat der Tastsinn mit 
ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre StiBigkeit 
kostet. Wie gibt der Honig, geben Haufen von Korinthen, 
gibt sogar Reis sich sehmeichelnd in die Hand. Wie leiden- 
schaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem 
Loffel entronnen sind. Dankbar und wild, wie eine, die 
man aus dem Elternhause sich geraubt hat, gibt hier die 
Erdbeermarmelade ohne Semmel und gleichsam unter 
Gottes freiem Himmel sich zu schmecken, und selbst die 
Butter erwidert mit Zartlichkeit die Ktihnheit eines Wer- 
bers, der in ihre Magdekammer vorstieB. Die Hand, der 
jugendliche Don Juan, ist bald in alle Zellen und Gelasse 
eingedrungen, hinter sich rinnende Schichten und stro- 
mende Mengen: Jungfraulichkeit, die ohne Klagen sich 
erneuert. 



KARUSSELLFAHRENDES KIND. Das Brett mit den 
dienstbaren Tieren rollt dicht tiberin Boden. Es hat die 
Hohe, in der man am besten zu fliegen traumt. Musik setzt 
ein, und ruckweis rollt das Kind von seiner Mutter fort. 
Erst hat es Angst, die Mutter zu verlassen. Dann aber 
merkt es, wie es selber treu ist. Es thront als treuer Herr- 
scher iiber einer Welt, die ihm gehort. In der Tangente bil- 
den Baume und Eingeborene Spalier. Da taucht, in einem 
Orient, wiederum die Mutter auf. Danach tritt aus dem 
Urwald ein Wipfel, wie ihn das Kind schon vor Jahr- 
tausenden, wie es ihn eben erst im Karussell gesehen hat. 
Sein Tier ist ihm zugetan : Wie ein stummer Arion fahrt 
es auf seinem stummen Fisch dahin, ein holzerner Stier- 
Zeus entfiihrt es als makellose Europa. Langst ist die ewige 
Wiederkehr aller Dinge Kinderweisheit geworden und das 



Leben em uralter Rauscli der Herrschaft, mit dem droh- 
nenden Orchestrion in der Mitte als Kronschatz. Spielt 
es langsamer, fangt der Raum an zu stottern und die 
Baume beginnen sich zu besinnen. Das Karussell wird un- 
sicberer Grand. Und die Mutter taucbt auf, der vielfach 
gerammte Pfabl, urn welchen das landende Kind das Tau 
seiner Blicke wickelt. 

UNORDENTLICHES KIND. Jeder Stein, den es findet, 
jede gepfhickte Blume und jeder gefangene Schmetterling 
ist ihm sehon Anfang einer Sammlung, und alles, was es 
iiberhaupt besitzt, maebt ihm eine einzige Sammlung aus. 
An ihm zeigt diese Leidenschaft ihr wahres Gesicht, den 
strengen indianischen Blick, der in den Antiquaren, 
Forschern, Btichernarren nur noch getriibt und manisch 
weiterbrennt. Kaum tritt es ins Leben, so ist es Jager. 
Es jagt die Geister, deren Spur es in den Dingen wittert; 
zwischen Geistern und Dingen verstreichen ihm Jahre, 
in denen sein Gesichtsfeld frei von Menschen bleibt. Es 
geht ihm wie in Traumen: es kennt nichts Bleibendes; 
alles geschieht ihm, meint es, begegnet ihm, stoBt ihm zu. 
Seine Nomadenjahre smd Stunden im Traumwald. Dort- 
her schleppt es die Beute beim, um sie zu reinigen, zu 
festigen, zu entzaubern. Seine Schubladen miissen Zeug- 
baus und Zoo, Kriminalmuseum und Krypta werden. 
,Aufraumen' hieBe einen Bau vernichten voll stachliger 
Kastanien, die Morgensterne, Staniolpapiere, die ein 
Silberhort, Bauklotze, die Sarge, Kakteen, die Totem- 
baume und Kupferpfennige, die Schilde sind. Am Wasche- 
schrank der Mutter, an der Bucherei des Vaters, da hilft 
das Kind sehon langst, wenn es im eigenen Revier noch 
immer der unstete, streitbare Gast ist. 



VERSTECKTES KIND. Es kennt in der Wohnung schon 
alle Verstecke und kehrt darein wie in ein Haus zurtick, 
wo man sicher ist, alles beim alten zu finden. Ihm klopft 
das Herz, es halt seinen Atem an. Hier ist es in die Stoff- 
welt eingeschlossen. Sie wird ihm ungeheuer deutlich, 
kommt ihm sprachlos nah. So wird erst einer, den man 
aufhangt, inne, was Strick und Holz sind. Das Kind, das 
hinter der Portiere steht, wird selbst zu etwas Wehendem 
und WeiBem, zum Gespenst. Der EBtisch, unter den es sich 
gekauert hat, laBt es zum holzernen Idol des Tempels 
werden, wo die geschnitzten Beine die vier Saulen sind. 
Und hinter einer Ture ist es selber Tur, ist mit ihr angetan 
als schwerer Maske und wird als Zauberpriester alle be- 
hexen, die ahnungslos eintreten. Um keinen Preis darf es 
gefunden werden. Wenn es Gesichter schneidet, sagt man 
ihm, braucht nur die Uhr zu schlagen und es muB so 
bleiben. Was Wahres daran ist, das weifi es im Versteck. 
Wer es entdeckt, kann es als Gotzen unterm Tisch erstar- 
ren machen, fiir immer als Gespenst in die Gardine es ver- 
weben, auf Lebenszeit es in die schwere Tur bannen. Es 
laBt darum mit einem lauten Schrei den Damon, der es 
so verwandelte, damit man es nicht findet, ausfahren, 
wenn es der Suchende faBt - ja, wartet diesen Augenblick 
nicht ab, greift ihm mit einem Schrei der Selbstbefreiung 
vor. Darum wird es den Kampf mit dem Damon nicht 
miide. Die Wohnung ist dabei das Arsenal der Masken. 
Doch einmal jahrlich liegen an geheimnisvollen Stellen, 
in ihren leeren Augenhohlen, ihrem starren Mund, Ge- 
schenke. Die magische Erfahrung wird Wissenschaft. 
Das Kind entzaubert als ihr Ingenieur die diistere Eltern- 
wohnung und sucht Ostereier. 



ANTIQUITATEI 

MEDAILLON. An allem, was mit Grund scbon genannt 
wird, wirkt paradox, daB es erscheint. 

GEBETMUHLE. Lebendig nabrt den Willen nur das vor- 
gestellte Bild. Am bloBen Wort dagegen kann er sieh zu 
hocbst entziinden, um dann brandig fortzuscbwelen. Kein 
heiler Wille ohne die genaue bildlicbe Vorstellung. Keine 
Vorstellung obne Innervation. Nun ist der Atem> deren 
allerfeinste Regulierung. Der Laut der Formeln ist ein 
Kanon dieser Atmung. Daber die Praxis der iiber den bei- 
ligen Silben atmend metidierenden Yoga. Daber ihre 
Allmacbt. 

ANTIKER LOFFEL. Eins ist den groBten Epikern vor- 
behalten: ihre Helden fiittern zu konnen. 

ALTE LAND K ARTE. In einer Liebe sucben die meisten 
ewige Heimat. Andere, sebr wenige aber das ewige Rei- 
sen. Diese letzten sind Melancholiker, die da Berxibrung 
mit der Muttererde zu scbeuen baben. Wer die Schwer- 
mut der Heimat von ibnen fern bielte, den suchen sie. 
Dem balten sieTreue. Die mittelalterliehenKomplexionen- 
bticber wissen um die Sehnsucbt dieses Menscbenschlages 
nach weiten Reisen. 



FACHER. Man wird folgende Erfabrung gemacht baben: 
liebt man jemanden, ist man sogar nur intensiv mit ibm 
bescbaftigt, so findet man beinah in jedem Bucbe sein 
Portrat. Ja er erscbeint als Spieler und als Gegenspieler. 
In den Erzahlungen, Romanen und Novellen begegnet er 
in immer neuen Verwandlungen. Und hieraus folgt: das 



Vermogen der Phantasie ist die Gabe, im unendlich Klei- 
nen zu interpolieren, jeder Intensitat als Extensivem ihre 
neue gedrangte Fiille zu erfinden, kurz, jedes Bild zu neh- 
men, als sei es des zusammengelegten Fachers, das erst 
in der Entfaltung Atem holt und mit der neuen Breite 
die Zuge des geliebten Menschen in seinem Innern auffiihrt. 

RELIEF. Man ist zusammen mit der Frau, die man liebt, 
man spricht mit ihr. Dann, Wochen oder Monate spater, 
wenn man von ihr getrennt ist, kommt einem wieder, 
wovon damals die Rede war. Und nun liegt das Motiv 
banal, grell, untief da, und man erkennt : nur sie, die sich 
aus Liebe tief dartiber neigte, bat es vor uns beschattet 
und gescbiitzt, daB wie ein Relief in alien Falten und in 
alien Winkeln der Gedanke lebte. Sind wir allein, wie 
jetzt, so liegt er flach, trost-, scbattenlos im Lichte unserer 
Erkenntnis. 

TORSO. Nur wer die eigene Vergangenheit als Ausgeburt 
des Zwanges und der Not zu betracbten wiiBte, der ware 
fahig, sie in jeder Gegenwart aufs hochste fur sicb wert 
zu macben. Denn was einer lebte, ist bestenfalls der 
schonen Figur vergleichbar, der auf Transporten alle Glie- 
der abgesehlagen wurden, und die nun nichts als den kost- 
baren Block abgibt, aus dem er das Bild seiner Zukunft 
zu hauen hat. 



UHHEN UND GOLDWAREN 



Wer den Sonnenaufgang wachend, bekleidet, auf einer 
Wanderung etwa, vor sich sieht, behalt tagstiber vor alien 
anderen die Souveranitat eines unsichtbar Gekronten und 



wem er unter der Arbeit hereinbrach, dem ist urn Mittag, 
als hatte er sich die Krone selbst aufgesetzt. 

Als Lebensubr, auf der die Sekunden nur so dabineilen, 
hangt iiber den Romanfiguren die Seitenzahl. Welcher 
Leser hatte nieht schon einmal flilchtig, geangstigt zu ihr 
aufgeblickt? 

Ich traumte, mit Roethe gehe ich -neugebackener Privat- 
dozent - in kollegialer Unterbaltung durch die weiten 
Raume eines Museums, dessen Vorsteher er ist. Wahrend 
er in einem Nebenraum mit einem Angestellten sich unter- 
halt, trete ich vor eine Vitrine. In ihr steht neben anderen, 
wohl kleineren Gegenstanden, die verstreut sind, die me- 
tallische oder emaillierte, triibe das Licht spiegelnde, fast 
lebensgroBe Btiste einer Frau, nicht unahnlich der so- 
genannten Leonardoschen Flora im Berliner Museum. Der 
Mund dieses Goldhaupts ist geoffnet und iiber die Zahne 
des Unterkiefers sind Schmucksachen, die zum Teil aus 
dem Munde heraushangen, in wohlgemessenen Abstanden 
gebreitet. Mir war nicht zweifelhaft, da6 das eine Uhr sei. - 
(Motive des Traums : Der Schamrote ; Morgenstunde hat 
Gold im Munde ; „La tete, avec l'amas de sa criniere sombre/ 
Et de ses bijoux precieux, / Sur la table de nuit, comme 
une renoncule, / Repose". Baudelaire.) 



BOGENLAMPE 

Einen Menschen kennt einzig nur der, welcher ohne Hoff- 
nung ihn liebt. 



LOGOIA 



GERANIE. Zwei Menschen, die sick lieben, bangen iiber 
alles an ihren Namen. 

KARTHlUSERNELKE. Dem Liebenden erscbeint der 
geliebte Mensch immer einsam. 

ASPHODELOS. Wer geliebt wird, binter dem schliefit 
der Abgrund des Geschlechts sich wie der der Familie. 

KAKTEENBLtlTE. Der wahre Liebende freut sicb, wenn 
der geliebte Menscb streitend im Unrecht ist. 

VERGISSMEINNICHT. Erinnerung sieht den geliebten 

Menschen stets verkleinert. 

BLATTPFLANZE. Tritt ein Hindernis vor die Ver- 
einigung, so ist alsbald die Phantasie eines wunschlosen 
Beisammenseins im Alter zur Stelle. 



FUNDBURO 



VERLORENE GEGENSTlNDE. Was den allerersten 
Anblick eines Dorfs, einer Stadt in der Landschaft so 
unvergleichlicb und so unwiederbringlich macbt, ist, dafi 
in ihm die Ferne in der strengsten Bindung an die Nabe 
mitscbwingt. Noch bat GeWobnheit ihr Werk nicbt getan. 
Beginnen wir erst einmal uns zurecbtzufinden, so ist die 
Landscbaft mit einem Scblage verscbwunden wie die 
Fassade eines Hauses wenn wir es betreten. Nocb bat 
diese kein Ubergewicht durch die stete, zur Gewohnheit 



gewordene Durchforschung erhalten. Haben wir einmal 
begonnen, im Ort uns zurechtzufinden, so kann jenes 
friibeste Bild sich nie wieder herstellen. 

GEFUNDENE GEGENSTlNDE. Die blaue Feme, die 
da keiner Nabe weicbt und wiederum beim Naherkommen 
nicht zergebt, die nicht breitspurig und langatmig beim 
Herantreten daliegt, sondern nur verscblossener und 
drohender einem sich aufbaut, ist die gemalte Feme der 
Kulisse. Das gibt den Biihnenbildern ihren unvergleich- 
lichen Charakter. 



HALTEPLATZ FUR NICHT MEHR ALS 

3 DROSCHKEN 

Icb stand an einer Stelle zehn Minuten und wartete auf 
einen Omnibus. „L'Intran . . . Paris-Soir ... La Liberte" 
rief hinter mir ununterbrocben mit unverandertem Ton- 
fall eine Zeitungsfrau. „L'Intran . . . Paris-Soir ... La 
Liberte" — eine Zuchtbauszelle von dreieckigem Grund- 
rilJ. Icb sab vor mir, wie leer es in den Winkeln aussah. 

Icb sah imTraum „ein verrufenes Haus". „Ein Hotel, 
in dem ein Tier verwobnt ist. Es trinken fast alle nur ver- 
wobntes Tierwasser." Icb traumte in diesen Worten und 
fuhr sofort wieder auf. Vor libergroBer Ermudung hatte 
ich im erbellten Zimmer mich in Kleidern aufs Bett ge- 
worfen und war sogleich, fur einige Sekunden, einge- 
schlafen. 

Es gibt in Mietskasernen eine Musik von so todestrauriger 
Ausgelassenheit, da6 man nicbt glauben will, sie sei fur 



den, der spielt: es ist Musik fur die moblierten Zimmer, 
wo einer Sonntags in Gedanken sitzt, die bald mit diesen 
Noten sich garnieren wie eine Schiissel tiberreifes Obst mit 
welken Blattern. 



t€RIEGERDEH§€I¥lAL 



KARL KRAUS. Nichts trostloser als seine Adepten,nichts 
gottverlassener als seine Gegner. Kein Name, der gezie- 
mender durch Schweigen geebrt wiirde. In einer uralten 
Rustung, ingrimmig grinsend, ein cbinesisches Idol, in 
beiden Handen die geziickten Schwerter schwingend, 
tanzt er den Kriegstanz vor dem Grabgewolbe der deut- 
schen Sprache. Er, der „nur einer von den Epigonen, die 
in dem alten Haus der Sprache wohnen", ist zum Be- 
schlieBer ihrer Gruft geworden. In Tag- und Nachtwachen 
barrt er aus. Kein Posten ist je treuer gebalten worden 
und keiner je war verlorener. Hier stent, der aus dem 
Tranenmeere seiner Mitwelt schopft wie eine Danaide, und 
dem der Fels, der seine Feinde begraben soil, aus den Han- 
den rollt wie dem Sisypbos. Was bilf loser als seine Kon- 
version? Was ohnmachtiger als seine Humanitat? Was 
boffnungsloser als sein Kampf mit der Presse? Was weiB 
er von den wabrbaft ihm verbiindeten Gewalten? Docb 
Welches Sehertum der neuen Magier laBt sich vergleichen 
mit dem Lauschen dieses Zauberpriesters, dem eine ab- 
geschiedene Sprache selbst die Worte eingibt? Wer hat je 
einen Geist beschworen wie Kraus in den ,,Verlassenen", 
als ob sie vordem nie gedichtet worden ware, die „Selige 
Sehnsucht" ? So hilf los wie nur Geisterstimmen sich horen 
lassen, sagt das Raunen aus einer chthonischen Tiefe der 
Sprache ihm wahr. Jedweder Laut istunvergleichlichecht, 



aber sie alle lassen ratios wie Geisterrede. Blind wie die 
Manen ruft die Spraclie ihn zur Rache auf, borniert wie 
Geister, die nur die Blutstimme kennen, denen gleich ist, 
was sie im Reiche der Lebenden anstiften. Aber er kann 
nicbt irren. Unfehlbar sind ihre Mandate. Wer ihm in den 
Arm lauft, ist schon gericbtet : sein Name selber wird in 
diesem Mund zum Urteil. Wenn er ibn aufreiBt, schlagt 
die farblose Flamme des Witzes ihm uber die Lippen. 
Und keiner, der die Wege des Lebens geht, stieBe auf ihn. 
Auf emem archaischen Felde der Ehre, einer riesigen Wal- 
statt blutiger Arbeit rast er vor einem verlassenen Grab- 
monument. Die Ebren seines Todes werden unermeBlich, 
die letzten sein, die vergeben werden. 



FEUERMELDiR 

Die Vorstellung vom Klassenkampf kann irrefuhren. Es 
handelt sich in ihm nicht urn eine Kraftprobe, in der die 
Frage: wer siegt, wer unterliegt? entschieden wttrde, 
nicht um ein Ringen, nach dessen Ausgang es dem Sieger 
gut, dem Unterlegenen aber schlecht gehen wird. So den- 
ken, heiBt die Fakten romantisch vertuschen. Denn mag 
die Bourgeoisie im Kampfe siegen oder unterliegen, sie 
bleibt zum Untergange durch die inneren Widersprftche, 
die ihr im Laufe der Entwiekhmg todlich werden, ver- 
urteilt. Die Frage ist nur, ob sie an sich selber oder durch 
das Proletariat zugrunde geht. Bestand oder das Ende 
einer dreitausendjahrigen Kulturentwicklung werden 
durch die Antwort darauf entschieden. Gescbichte weiB 
nichts von der schlechten Unendlichkeit im Bilde der 
beiden ewig ringenden Kampfer. Nur in Terminen rechnet 
der wahre Politiker. Und ist die AbschafFung der Bourgeoi- 



sie nicht bis zu einem fast berechenbaren Augenblick der 
wirtschaftHchen und tecbniscben Entwicklung vollzogen 
(Inflation und Gaskrieg signalisieren ihn), so ist alles ver- 
loren. Bevor der Funke an das Dynamit kommt, muB die 
brennende Ziindschnur durchsehnitten werden. Eingriff, 
Gefahr und Tempo des Politikers sind technisch — nicht 
ritterlich. 



E1SEANDENKEN 

ATRANI. Die sacht ansteigende gesehweifte Barocktreppe 
zur Kircbe. Das Gitter hinter der Kircbe. Die Litaneien 
der alten Frauen beim Ave Maria: Einschulung in die 
erste Sterbeklasse. Wenn man sicb umwendet, grenzt dann 
dieKirchewie Gott selber ans Meer. Allmorgendlich bricbt 
die cbristliche Ara den Fels an, aber zwischen den Mauern 
darunter zerfallt immer wieder die Nacht in die vier 
alten romischen Viertel. Gassen wie Luftschachte. Auf 
dem Marktplatz ein Brunnen. Am Spatnachmittag Weiber 
heram. Dann einsam : arcbaisches Platscbern. 

MARINE. Die Scbonheit grofier Segelscbifie ist einziger 
Art. Denn sie sind nicHt allein in ibrem UmriB durcb Jahr- 
bunderte unverandert geblieben, sondern erscbeinen in der 
unwandelbarsten Landschaft : auf der See gegen den Hori- 
zont abgehoben. 

VERSAILLES FASSADE. Es ist, als habe man dies 
SchloB vergessen, wo man es vor so und soviel bundert 
Jahren Par Ordre Du Roi nur auf zwei Stun den als das Ver- 
satzstiick einer Feerie hingestellt bat. Von seinem Glanz 
bebalt es nichts fur sicb, es gibt ihn ungeteilt an jene 



konigliche Lage, die mit ihm abschlieBt. Vor diesem Hin- 
tergrund wird sie zur Blilme, auf der die absolute Monarchic 
als allegorisches Ballett tragiert ward. Dock heute ist es 
nur die Wand, deren Schatten man aufsucht, urn den Fern- 
blick ins Blau zu genieBen, das Le Notre erschuf. 

HEIDELBERGER SCHLOSS. Ruinen, deren Triimmer 
gegen den Himmel ragen, erscheinen bisweilen doppelt 
schon an klaren Tagen, wenn der Blick in ihren Fenstern 
oder zu Haupten den voriiberziehenden Wolken begegnet. 
Die Zerstorung bekraftigt durcb das vergangliche Sehau- 
spiel, das sie am Himmel eroffnet, die Ewigkeit dieser 
Triimmer. 

SEVILLA ALCAZAR. Eine Architektur, die dem ersten 
Zuge der Pbantasie folgt. Sie ist durch praktiscbe Be- 
denken ungebrocben. Nur Traume und Feste, deren Er- 
fullung, sind in den boben Gemachern vorgeseben. Darin- 
nen werden Tanz und Schweigen Leitmotiv, weil alle 
menscblicbe Bewegung vom stillen Getflmmel des Orna- 
mentes eingesogen wird. 

MARSEILLE KATHEDRALE. Auf dem menschen- 
leersten, sonnigsten Platz stebt die Kathedrale. Hier ist 
es ausgestorben, trotzdem im Stiden, zu ihren FiiBen, La 
Joliette, der Hafen, im Norden ein Proletarierviertel dicht 
anstoBt. Als Umschlagplatz fur ungreifbare, undurcb- 
schaubare Ware steht da das 6de Bauwerk zwischen Mole 
und Speicher. An vierzig Jahre hat man darangesetzt. 
Docb als dann 1893 alles fertig war, da hatten Ort und 
Zeit an diesem Monument sich gegen Architekten und Bau- 
berrn siegreicb verschworen und aus den reichen Mitteln 
des Klerus war ein Riesenbahnhof entstanden, der nie- 



mals dem Verkebr konnte iibergeben werden. An der 
Fassade sind die Wartesale im Innern kenntlich, wo Rei- 
sende I.— IV. Klasse (docb vor Gott sind sie alle gleicb), 
eingeklemmt wie zwiscben Koffer in ihre geistige Habe, 
sitzen und in Gesangbiicbern lesen, die mit ibren Konkor- 
danzen und Korrespondenzen den internationalen Kurs- 
biicbern sebr abnlicb sehen. Ausztige aus der Eisenbabn- 
verkebrsordmmg bangen als Hirtenbriefe an den Wanden, 
Tarife fur den AblaB auf die Sonderfahrten im Luxuszug 
des Satan werden eingeseben und Kabinette, wo der 
Weitgereiste diskret sicb reinwascben kann, als Beicht- 
stiible in Bereitscbaft gehalten. Das ist der Religionsbabn- 
hof zu Marseille. Scblafwagenziige in die Ewigkeit werden 
zur Messezeit hier abgefertigt. 

FREIBURGER MUNSTER. Mit dem eigensten Heimat- 
gefiibl einer Stadt verbindet sicb fur ibren Bewobner - ja 
vielleicbt nocb ftir den verweilenden Reisenden in der 
Erinnerung - der Ton und der Abstand, mit dem der 
Scblag ibre Turmubren anbebt. 

MOSKAU BASILIUS-KATHEDRALE. Wasdiebyzan- 
tiniscbe Madonna im Arm bat ist nur eine holzerne Puppe 
inLebensgrbGe.' Ibr Scbmerzensausdruck vor einem Chri- 
stus, dessen Kindsein nur angedeutet, nur vertreten bleibt, 
ist intensiver, als sie je mit einem lebenswabren Knaben- 
bilde ibn zur Scbau tragen konnte. 

BOSCOTRECASE. Vornehmbeit der Pinienwalder : ibr 
Dacb ist obne Verflecbtungen gebildet. 

NEAPEL MUSEO NATIONALE. Arcbaische Statuen 
tragen im Lacheln das BewuBtsein ibres Leibes dem Be- 
trachter entgegen wie ein Kind die frisch gepfliickten 



Blumen ungebunden und zerstreut uns entgegenhebt, 
wahrend die spatere Kunst strenger die Mienen scbiirzt, 
gleich dem Erwacbsenen, der mit schneidenden Grasern 
den dauernden StrauB fliebt. 

FLORENZ BAPTISTERIUM. Auf dern Portal die,, Spes" 
Andrea de Pisanos. Sie sitzt und hilflos erhebt sie die 
Arme nacb einer Frucbt, die ibr unerreicbbar bleibt. Den- 
nocb ist sie gefliigelt. Nicbts ist wahrer. 

HIMMEL. Im Traume trat ich aus einem Hause und er- 
blickte den Nacbthimmel. Ein wildes Glanzen ging von 
ibm aus. Denn, ausgestirnt wie er war, standen die Bilder, 
nach denen man Sterne zusammenfugt, in sinnbcber 
Gegenwart da. Ein Lowe, eine Jungfrau, eine Wage und 
viele andere starrten, als dichte Sternbaufen, auf die Erde 
berunter. Kein Mond war zu sehen. 



©PTIKER 



Im Sommer fallen die dicken Leute auf, im Winter die 
dunnen. 

Im Friibling gewabrt man bei bellem Sonnenwetter das 
junge Laub, im kalten Regen die nocb unbelaubten Aste. 

Wie ein gastlicher Abend verlaufen ist, das siebt an der 
Stellung der Teller und Tassen, der Becber und Speisen, 
wer zuriickblieb, auf einen Blick. 

Grundsatz der Werbung: sicb siebenfach machen; sieben- 
facb sich um die stellen, die man begebrt. 

Der Blick ist die Neige des Menscben. 



SPIELWAHEN 



MODELLIERBILDERBOGEN. Buden baben wie groBe 
schwankende Kahne zu beiden Seiten die steinerne Mole 
angelaufen, auf der die Leute sich scbieben. Es gibt Segler, 
die Masten aufragen lass en, an denen die Wimpel berunter- 
hangen, Dampfer, aus deren Schornsteinen Raucb steigt, 
Lastkabne, die ibre Ladung lange verstaut balten. Dar- 
unter sind Scbiffe, in deren Baucb man verschwindet; nur 
Manner diirfen hinunter, aber man sieht durcb Luken bin- 
durch Frauenarme, Scbleier und Pfauenfedern. Anderswo 
steben Fremdlinge auf dem Verdeck und scheinen mit 
exzentriscber Musik das Publikum abschrecken zu wol- 
len. Aber wie gleichgiiltig wird es nicbt empfangen. Man 
steigt zogernd binauf, mit breitem, wiegendem Gange 
wie iiber Scbiffstreppen, und bleibt, solange man oben ist, 
gewartig, daB sich das Ganze vom Ufer ablost. Die 
schweigsam und benommen dann wieder auftaucben, 
haben auf roten Skalen, wo gefarbter Weingeist auf- und 
absteigt, die eigene Ebe werden und vergeben seben; der 
gelbe Mann, der unten anfing zu werben, verlieB am oberen 
Ende dieses MaBstabs die blaue Erau. In Spiegel haben 
sie geblickt, wo ibnen wasserig der Boden unter den FtiBen 
fortscbwamm und sind iiber rollende Treppen ins Freie 
gestolpert. Unrube bringt die Flotte libers Quartier: 
Frauen und Madchen da drinnen sind frecb aufgelegt und 
alles EBbare wurde im Scblaraffenland selber verladen. 
Man ist so ganzlicb durcb das Weltmeer abgescbnitten, daB 
alles wie zum ersten- und zum letztenmal zugleicb hier 
angetroffen wird. Seelowen, Zwerge und Hunde sind wie 
in einer Arcbe aufbewabrt. Sogar die Eisenbahn ist ein fur 
allemal bier eingebracht und fabrt auf ibrem Kreislauf 
immer wieder durch einen Tunnel. Fur einige Tage ist das 



Quartier zur Hafenstadt einer Siidseeinsel geworden und 
die Bewobner Wilde, welcbe in Begier und Staunen vor 
dem vergeben, was Europa ihnen vor die FiiBe wirft. 

SCHIESSSCHEIBEN. SchieBbudenlandschaften miiB- 
ten, in eineni Korpus gesammelt, bescbrieben werden. Da 
war eine Eiswilste, von der an vielen Stellen weiBe Ton- 
pfeifenkopfe, die Zielpunkte, strahlenformig gebundelt, 
sicb abhoben. Hinten, vor einem unartikulierten Streifen 
Waldes, waren zwei Forster aufgemalt, ganz vorn, gleich- 
sam Versatzstiicke, zwei Sirenen mit provozierenden 
Briisten in Olfarbe. Anderswo strauben sicb Pfeifen im 
Haar von Frauen, die selten mit Rocken gemalt sind, meist 
in Trikots. Oder sie gehen aus eineni Facber hervor, den 
sie in der Hand entfalten. Beweglicbe Pfeifen drehen sich 
langsam im hinteren Grunde der „Tirs aux Pigeons". 
Andere Buden prasentieren Tbeater, in denen der Be- 
schauer mit der Flinte Regie fiihrt. Triift er ins Schwarze, 
dann fangt die Vorstellung an. So waren einmal seebsund- 
dreiBig Kasten und iiberm Biibnenrabmen stand bei jedem, 
was man dahinter zu erwarten batte: „ Jeanne d'Arc en 
prison", „L'hospitaIite", „Les rues de Paris". Aus 
einer anderen Bude : „Execution capitale". Vor dem ver- 
scblossenen Tore eine Guillotine, ein Ricbter im scbwar- 
zen Talar und ein Geistlicber, welcber das Kreuz bait. 
TrifFt der SehuB, gebt das Tor auf, ein Holzbrett scbiebt 
sicb vor, auf dem der Delinquent zwiscben zwei Schergen 
stent. Er legt sicb automatiscb unters Fallbeil und der 
Kopf wird ibm abgebauen. Dieselbe: „Les delices du 
mariage". Ein kummerlicbes Interieur eroffnet sicb. Den 
Vater sieht man mitten in der Stube, er bait ein Kind auf 
den Knien, mit seiner freien Hand scbaukelt er die Wiege, 
in welcber noch eines liegt. „L'enfer" - wenn ibre Pforten 



auseinandergehen, erblickt man einen Teufel, welcher eine 
arme Seele qualt. Daneben drangt ein anderer einen Pfaf- 
fen auf den Kessel zu, in welchem die Verdammten 
schmoren miissen. „Le bagne" - ein Tor, davor ein Ge- 
fiingniswarter. Wenn man getroffen hat, zieht er an einer 
Glocke. Es klingelt, das Tor geht auf. Man sieht zwei 
Straflinge an einem groBen Rade hantieren; sie scheinen 
es drehen zu miissen. Wieder eine andere Konstellation : 
ein Geiger mit seinem Tanzbar. Man schiefit hinein und 
der Fiedelbogen bewegt sicb. Der Bar schlagt mit einer 
Tatze die Pauke und bebt ein Bein. Man muB an das Mar- 
eben vom tapferen Schneiderlein denken, konnte aucb 
Dornroschen mit einem Scbusse wieder erweckt, Schnee- 
wittcben durcb einen ScbuB von dem Apfel befreit, Rot- 
kappcben in einem ScbuB sicb aufgelost denken. Der 
ScbuB scblagt marcbenbaft, mit jener beilsamen Gewalt 
ins Dasein der Puppen ein, die den Ungetumen das 
Haupt vom Rumpfe baut und als Prinzessinnen sie ent- 
larvt. So wie bei jenem groBen aufschriftlosen Tor: wenn 
man gut gezielt hat, offnet es sich und vor roten Pliisch- 
vorbangen stebt ein Mohr, der sich leicbt zu verneigen 
scheint. Er tragt vor sich her eine goldene Schussel. Darauf 
liegen drei Frilcbte. Es offnet die erste sich, und eine win- 
zige Person steht drin und verbeugt sich. In der zweiten 
dreben sich tanzend zwei ebenso winzige Puppen. (Die 
dritte tat sich nicbt auf.) Darunter, vor dem Tisch, auf 
dem die sonstige Szenerie sich aufbaut, ein kleiner Reiter 
aus Holz mit der Uberschrift : „Route minee". Trifft man ins 
Schwarze, so knallt es, und der Reiter mit seinem Pferd iiber- 
schlagt sich, bleibt aber, woblverstanden, auf ihm sitzen. 



STEREO SKOP. Riga. Der tagliche Markt, die gedrangte 
Stadt aus niedrigen Holzbuden zieht auf der Mole, einem 



breiten, scbmutzigen Steinwall obne Speichergebaude sich 
am Wasser der Diina entlang. Kleine Dampfer, die oft 
kaum mit dem Schornstein uber die Kaimauer reichen, 
baben die scbwarzlicbe Zwergenstadt angelaufen. (Die 
groBeren ScbifFe liegen diinaabwarts.) Sehmutzige Bretter 
sind der tonige Grund, auf dem, in der kalten Luft leucb- 
tend, einige wenige Farben zergeben. An mancben Ecken 
steben bier das ganze Jabr neben Fiscb-, Fleiscb-, Stiefel- 
und Kleiderbaracken Kleinbiirgerweiber mit den bunten 
Papierruten, die nach Westen nur um die Weibnacbtszeit 
vordringen. Von der geliebtesten Stimme gescbolten wer- 
den - so sind diese Ruten. Fur wenige Santimes vielfarbige 
Strafbtischel. Am Ende der Mole liegt in bolzemen Scbran- 
ken nur dreiBig Scbritt vom Wasser entfernt mit seinen 
rotweiBen Bergen der Apfelmarkt. Die feilgebotenen Apfel 
steeken im Strob und die verkauften obne Stroh in den 
Korben der Hausfrauen. Eine dunkelrote Kircbe erbebt 
sicb dabinter, die in der friscben Novemberluft gegen die 
Backen der Apfel nicbt aufkommt. - Mebrere Laden fiir 
Sehifferbedarf in kleinen Hauscben unweit der Mole. Taue 
sind aufgemalt. Uberall siebt man die Ware abgemalt auf 
Scbildern oder auf die Hauswand gepinselt. Ein Geschaft 
in der Stadt bat auf der unverputzten Ziegelwand Koffer 
und Riemen iiberlebensgroB. Ein niedriges Eckbaus mit 
einem Laden fur Korsetts und Damenbtite ist mit ge- 
putzten Damengesichtern und strengen Miedern auf oeker- 
gelbem Grunde bemalt. Im Winkel davor stebt eine La- 
terne, die auf den Glasscbeiben Ahnliches darstellt. Das 
Ganze ist wie die Fassade eines Pbantasiebordells. Ein 
anderes Haus, ebenfalls unweit des Hafens, bat Zucker- 
sacke und Kohlen grau und scbwarz plastiscb auf grauer 
Hauswand. Scbube irgendwo anders regnen aus Fiill- 
bornern nieder. Eisenwaren sind bis ins einzelne, Hammer, 



Zahnrader, Zangen und kleinste Scbraubchen auf ein 
Schild gemalt, das wie erne Vorlage aus veralteten Kinder- 
malbuchern aussieht. Mit solchen Bildern ist die Stadt 
durchsetzt: gestellt wie aus Scbubladen. Dazwischen aber 
ragen viel bohe festungsartige, todtraurige Gebaude 
heraus, die alle Schrecken des Zarismus wachrufen. 



UNVERKAUFLICH. Mechanisebes Kabinett auf dem 
Jahrmarkt zu Lucca. In einem langgestreckten sym- 
metrisch geteilten Zelt ist die Ausstellung untergebracbt. 
Einige Stufen fiibren herauf. Das Aushangeschild vertritt 
ein Tiscb mit einigen unbeweglichen Puppen. Durcb die 
recnte Offnung betritt man das Zelt, durcb die linke ver- 
laBt man es wieder. Im bellen Innenraume zieben zwei 
Tiscbe sich in die Tiefe. Sie stoBen an der inneren Langs - 
kante zusammen, sodaB nur ein schmaler Raum fur den 
Umgang bleibt. Beide Tische sind niedrig und glasgedeckt. 
Auf ibnen steben die Puppen (zwanzig bis fiinfundzwanzig 
Zentimeter bocb im Durehschnitt), wabrend in ibrem 
unteren verdeckten Teile das Ubrwerk, das die Puppen 
treibt, vernehmbar tickt. Ein kleiner Tritt fur Kinder lauft 
an den Kanten der Tiscbe entlang. An den Wanden sind 
Zerrspiegel. - Dem Eingang zunacbst siebt man Furstlicb- 
keiten. Jede macbt irgendeine Bewegung : die eine mit dem 
rechten oder linken Arm eine weitausbolende einladende 
Geste, die anderen eine Scbwenkung der glasernen Blicke ; 
mancbe rollen die Augen und rubren die Arme zu gleicher 
Zeit. Franz Joseph, Pio IX., thronend und flankiert von 
zwei Kardinalen, die Konigin Elena von Italien, die Sul- 
tanin, Wilbelm I. zu Pferde, Napoleon III. klein und 
kleiner nocb Vittorio Emmanuele als Kronprinz steben 
da. Biblische Figurinen folgen, darauf die Passion. 
Herodes befiehlt mit sebr mannigfachen Bewegungen des 



■ s*. 



Hauptes den Kindermord. Er offnet weit den Mund und 
nickt dazu, streckt den Arm aus und laBt ihn wieder fallen. 
Zwei Henker stehen vor ihm: der eine leerlaufend mit 
schneidendem Schwert, ein enthauptetes Kind unterm 
Arm, der andere, im BegrifFe zuzustechen, steht, bis aufs 
Augenrollen, unbeweglich. Und zwei Mutter dabei: die 
eine unaufhorlich sacht ihren Kopf scbilttelnd wie eine 
Schwermfitige, die andere langsam, flehend die Arme 
bebend. - Die Nagelung ans Kreuz. Dieses liegt am Boden. 
Die Schergen sehlagen den Nagel ein. Cbristus nickt. — 
Cbristus gekreuzigt, von dem Essigscbwamm getrankt, 
den ibm ein Kriegsknecbt langsam, ruckweis reicht und 
augenblicklich wieder entziebt. Der Heiland bebt dabei 
ganz wenig das Kinn. Von hinten beugt ein Engel mit dem 
Kelcb fur Blut sich ubers Kreuz, fuhrt ihn vor und ziebt 
ihn dann, als ware er gefullt, zuruck. - Der andere Tisch 
zeigt genrehafte Bilder. Gargantua mit Knodeln. Vor 
einem Teller schaufelt er mit beiden Handen sie in den 
Mund, indem er abwechselnd den reehten und den linken 
Arm hebt. Beide Hande halten je eine Gabel, an der ein 
Klofi steckt. - Ein spinnendes Alpenfraulein. - Zwei 
Affen, die Geige spielen. - Ein Zauberer hat zwei tonnen- 
artige Behalter vor sich. Der rechte offnet sich und daraus 
taucht mit ihrem Oberkorper eine Dame. Sodann ver- 
sinkt sie. Es offnet sich der linke : daraus hebt zu halber 
Hohe sich ein Mannerleib. Von neuem offnet sich der rechte 
Behalter und nun steigt da der Schadel eines Bocks mit 
dem Gesicht der Dame zwischen den Hornern hervor. Da- 
nach hebt es sich links : ein Affe stellt sich statt des Man- 
nes dar. Sodann geht alles wieder von vorne an. — Ein 
anderer Zauberer: er hat vor sich einen Tisch und halt 
je einen umgekehrten Becber in der reehten und linken 
Hand. Darunter erscheinen, wie er abwechselnd den einen 



oder den anderen hebt, bald ein Brot oder ein Apfel, eine 
Blume oder ein Wurfel. — Der Zauberbrunnen : kopf- 
schiittelnd stent ein Bauernknabe vor einem Ziebbrunnen. 
Ein Madcben zieht und der unabgesetzte dicke Strahl aus 
Glas rinnt aus der Brunnenoffnung. - Die verzauberten 
Liebenden: Ein goldenes Gebiiscb oder eine goldene 
Flamme tut in zwei Fliigeln sich auf. Darin werden zwei 
Puppen sichtbar. Sie wenden die Kopfe einander zu und 
dann wieder ab, als saben sie mit fassungslosem Staunen 
sich an. - Unter alien Figuren ein kleines Papier mit der 
Aufschrift. Das Ganze aus dem Jahre 1862. 



POLIKLINIK 



Der Autor legt den Gedanken auf den Marmortiscb des 
Cafes. Lange Betracbtung: denn er benutzt die Zeit, da 
nocb das Glas — die Linse, unter der er den Patienten vor- 
nimmt - nicht vor ihm steht. Dann packt er sein Besteck 
allmablicb aus: Ftillfederbalter, Bleistift und Pfeife. Die 
Menge der Gaste macht, amphitbeatraliscb angeordnet, 
sein kliniscbes Publilcum. KafFee, vorsorglicb eingefullt 
und ebenso genossen, setzt den Gedanken unter Chloro- 
form. Worauf der sinnt, bat mit der Sacbe selbst nicbt 
mebr zu tun, als der Traum des Narkotisierten mit dem 
cbirurgiscben Eingriff. In den bebutsamen Lineamenten 
der Handscbrift wird zugeschnitten, der Operateur ver- 
lagert im Innern Akzente, brennt die Wucberungen der 
Worte beraus und schiebt als silberne Rippe ein Fremd- 
wort ein. Endlich naht ibm mit feinen Sticben Inter- 
punktion das Ganze zusammen und er entlohnt den Kell- 
ner, seinen Assistenten, in bar. 



D1BSE FLACH EN BIND ZU VERMIETEI 

Narren, die den Verfall der Kritik beklagen. Denn deren 
Stunde ist langst abgelaufen. Kritik ist eine Sache des 
rechten Abstands. Sie ist in einer Welt zu Hause, wo es 
auf Perspektiven und Prospekte ankommt und einen 
Standpunkt einzunehmen noch moglich war. Die Dinge 
sind indessen viel zu brennend der menscblichen Gesell- 
schaft auf den Leib geriickt. Die ,Unbefangenheit'j, der 
,freie Blick' sind Luge, wenn nicht der ganz naive Aus- 
druck planer Unzustandigkeit geworden. Der heute wesen- 
bafteste, der merkantile Blick ins Herz der Dinge beiBt 
Reklame. Sie reiBt den freien Spielraum der Betracbtung 
nieder und riickt die Dinge so gefahrlich nab uns vor die 
Stirn, wie aus dem Kinorahmen ein Auto, riesig an- 
wacbsend, auf uns zu zittert. Und wie das Kino Mobel und 
Fassaden nicbt invollendetenEiguren einer kritiscben Be- 
tracbtung vorfuhrt, sondern allein ibre sture, sprungbafte 
Nahe sensationell ist, so kurbelt ecbte Reklame die Dinge 
beran und hat ein Tempo, das dem guten Film entspricbt. 
Damit ist denn ,Sacblichkeit' endlicb verabscbiedet, und 
vor den Riesenbildern an den Hauserwanden, wo „Cbloro- 
dont" und „Sleipnir" fiir Giganten bandlicb liegen, wird 
die gesundete Sentimentalitat amerikaniscb frei, wie 
Menscben, welcbe nichts mebr rilbrt und anrixbrt, im Kino 
wieder das Weinen lernen. Fiir den Mann von der StraBe 
aber ist es das Geld, das dergestalt die Dinge ihm nahe 
riickt, den schlussigen Kontakt mit ibnen berstellt. Und 
der bezahlte Rezensent, der im Kunstsalon des Handlers 
mit Bildern manipuliert, weiB, wenn nicht Besseres so Wich- 
tigeres von ibnen, als der Kunstfreund, der sie im Schau- 
fenster sieht. Die Warme des Sujets entbindet sicb ihm und 
stimmt ihn gefiihlvoli. - Was macht zuletzt Reklame der 



Kritik so tiberlegen? Nicht was die rote elektrische Lauf- 
schrift sagt - die Feuerlache, die auf dem Asphalt sie 
spiegelt. 



BUROBEDAFtF 



Das Chefzimmer starrt von Waffen. Was als Komfort den 
Eintretenden besticht, das ist in Wahrheit ein cachiertes 
Arsenal. Ein Telephon auf dem Schreibtisch schlagt alle 
Augenblicke an. Es fallt einem an der wicbtigsten Stelle 
ins Wort und gibt dem Gegeniiber Zeit, sicb seine 
Antwort zurechtzulegen. Indessen zeigen Brocken vom 
Gesprach, wieviele Angelegenheiten hier verhandelt Wer- 
den, die wicbtiger sind als die, die an der Reihe ist. Man 
sagt sich das und langsam fangt man an, von seinem 
eigenen Standpunkte abzurutscben. Man beginnt sich zu 
fragen, von wem da die Rede ist, vernimmt mit Schrecken, 
daB der Unterredner morgen nach Brasilien fahrt und ist 
bald mit der Firma derart solidarisch, daB die Migrane, 
tiber die er sich am Telephon beklagt, als bedauerliche Be- 
triebsstorung (statt als Chance) verzeichnet wird. Gerufen 
oder ungerufen tritt die Sekretarin ein. Sie ist sehr biibsch. 
Und ist ihr Brotherr gegen ihre Reize, sei's gefeit, sei's als 
Bewunderer langst mit ihr im Reinen, so wird der NeuMng 
mehr als einmal nach ihr sehen, und sie versteht es, ihrem 
Chef zu Dank zu handeln. Sein Personal ist in Bewegung, 
Kartotheken aufzutischen, in denen der Gastfreund in 
den verschiedenstenZusammenhangen sich rubriziert weiB. 
Er beginnt zu ermiiden. Der andere aber, der das Licht im 
Rticken hat, liest aus den Ztigen des blendend bestrahlten 
Gesichts mit Befriedigung das ab. Auch der Sessel tut 
seine Wirkung; man sitzt darin so tief zuriickgelehnt wie 



beim Dentisten und nimmt das peinliche Verfahren dann 
zuletzt nocb. fur den ordnungsmaBigen Verlauf der Dinge. 
Eine Liquidation folgt friiher oder spater auch dieser Be- 
handlung. 

STUCKGUT: SREDJTION UND VER- 

PACKUNQ 

Ich fuhr fruh morgens mit dem Auto durch Marseille zur 
Bahn, und wie mir unterwegs bekannte Stellen, dann neue, 
unbekannte oder andere, die ich nur ungenau erinnern 
konnte, aufstiefien, wurde die Stadt ein Buch in meinen 
Handen, in das ich schnell noch ein paar Blicke warf, be- 
vor es in der Kiste auf dem Speicher mir auf wer weilJ 
wie Iange aus den Augen kommen sollte. 

WEGEN UMBAU GESCHLOSSEN! 

Im Traum nahm ich mir mit einem Gewehr das Leben. 
Als der Schufi fiel, erwachte ich nicht, sondern sah mich 
eine Weile als Leiche liegen. Dann erst wachte ich auf. 

„AUGEAS" 
AUTOIV8ATISCHES RESTAURANT 

Dies ist der starkste Einwand gegen die Lebeweise des 
Hagestolz : er nimmt einsam sein Essen. Einsam zu speisen 
macht leicht hart und roh. Wer es gewohnt ist, muiJ spar- 
tanisch leben, um nicht zu verkommen. Einsiedler haben, 
sei's nur darum, sich frugal bekostigt. Denn dem Essen 
wird nur in der Gemcinschaft sein Recht; es will geteilt 
und ausgeteilt sein, wenn es anschlagen soil. Gleichvicl 



wem: frtiher bereicherte ein Bettler am Tisch jede Mahl- 
zeit. Aufs Teilen und aufs Geben kommt alles an, nichts 
auf soziables Gesprach in der Runde. Erstaunlich ist aber 
wiederum, dafi Geselligkeit kritisch wird ohne Speisen. 
Bewirtung nivelliert und verbindet. Der Graf von Saint- 
Germain blieb niichtern vor vollen Tafeln und scbon auf 
diese Weise Herrscher im Gesprach. Wo aber jeder einzelne 
leer ausgeht, da kommen die Rivalitaten mit ihrem Streit. 



B HI EFMARKEN -HAND LUNG 

Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht, dem sagt oft 
eine Marke, die langst auBer Kurs ist, auf einem briichigen 
Umschlag mehr als Dutzende von durchlesenen Seiten. 
Mancbmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und 
weiB dann nicht, soil man sie ablosen oder soil man die 
Karte bewahren wie sie nun einmal ist, wie das Blatt ein.es 
alten Meisters, das auf der vorderen und der hinteren Seite 
zwei verschiedene gleich wertvolle Zeichnungen hat? Es 
gibt auch, in den Glaskasten von Cafes, Briefe, die etwas 
auf dem Kerbholz haben und vor aller Augen am Pranger 
stehen. Oder hat man sie deportiert und mtissen sie in 
diesem Kasten Jahr und Tag auf einem glasernen Salas 
y Gomez schmachten? Briefe, die lange unerofrhet blieben, 
bekommen etwas Brutales ; sie sind Enterbte, die hamisch 
im stillen Rache fiir lange Leidenstage Schmieden. Viele 
von ihnen stellen spater in den Fenstern der Briefmarken- 
handler die tiber und iiber von Stempeln gebrandmarkten 
Ganzsachen dar. 

Man weiB, es gibt Sammler, die sich nur mit gestempelten 
Marken befassen und viel fehlt nicht, so wollte man glau- 



J 1 



ben, sie sind die einzigen, die ins Geheimnis eingedrungen 
sind. Sie halten sich an den okkulten Teil der Marke; an 
den Stempel. Denn der Stempel ist deren Nacbtseite. Es 
gibt feierliche, die um das Haupt der Queen Victoria einen 
Heiligenschein und propbetische, die eine Martyrerkrone 
um Humbert legen. Aber keine sadistische Phantasie 
reicbt an die scbwarze Prozedur heran, die mit Striemen 
die Gesicbter bedeckt und durch das Erdreich ganzer 
Kontinente Spalten reiBt wie ein Erdbeben. Und die per- 
verse Freude am Kontrast dieses gescbandeten Marken- 
korpers mit seinem weiBen, spitzengarnierten Tullkleid: 
der Zabnung. Wer Stempeln nachgeht, mufi als Detek- 
tiv Signalements der verrufensten Postanstalten, als 
Archaologe die Kunst, den Torso fremdester Ortsnamen 
zu bestimmen, als Kabbalist das Inventar der Daten fur 
ein ganzes Jabrbundert besitzen. 

Briefmarken starren von Zifferchen, winzigen Bucbs taben, 
Blattchen und Auglein. Sie sind graphische Zellengewebe. 
Das alles wimmelt durcbeinander und lebt, wie niedere 
Tiere, selbst zerstiickelt fort. Darum macbt man aus Brief- 
markenteilcben, die man zusammenklebt, so wirksame 
Bilder. Aber auf ihnen bat Leben immer den Einscblag 
von Verwesung zum Zeicben, dafi es aus Abgestorbenem 
sicb zusammensetzt. Ibre Portrats und obszonen Gruppen 
stecken voller Gebeine und Wiirmerhaufen. 

Bricbt in der Farbenfolge der langen Satze sieb vielleicht 
das Licbt einer fremden Sonne? Wurden in den Post- 
ministerien des Kircbenstaats oder von Ecuador Strahlen 
aufgefangen, die wir andern nicht kennen? Und warum 
zeigt man uns nicbt die Marken der besseren Planeten? 
Die tausend Stufen von Feuerrot, die auf der Venus in 



Umlauf sind und die vier groBen grauen Werte vom Mars 
und die zifferlosen Saturnmarken? 

Lander und Meere sind auf Marken nur die Provinzen, 
Konige nur die Soldner der Ziifern, die nach Gefallen ihre 
Farbe iiber sie ausgieBen. Briefmarkenalben sind ma- 
gische Nachschlagewerke, die Zahlen der Monarchen und 
Palaste, der Tiere und Allegorien und Staaten sind in ihnen 
niedergelegt. Der Postverkehr beruht auf deren Harmonie 
wie auf den Harmonien der himmlischen Zablen der Ver- 
kehr der Planeten beruht. 

Alte Groschenmarken, die im Oval nur ein oder zwei groBe 
ZifFern zeigen. Sie sehen aus wie jene ersten Photos, aus 
denen in den schwarz lackierten Rahmen Verwandte, die 
wir niemals kannten, auf uns herabsehen: Verzifferte 
GroBtanten oder Voreltern. Auch Thurn und Taxis hat 
die groBen Ziifern auf den Marken ; da sind sie wie ver- 
hexte Taxameternummern. Man wtirde sich nicht wun- 
dern, wenn eines Abends das Licht einer Kerze dahinter 
durchscheint. Dann aber gibt es kleine Marken ohne Zah- 
nung, ohne Angabe einer Wahrung und eines Landes. Im 
dichten Spinnennetz tragen sie nur eine Nummer. Das 
sind vielleicht die wahren Schicksalslose. 



Schriftziige auf den ttirkischen Piastermarken sind wie 
die schrag gestellte, allzuflotte, allzublitzende Busennadel 
auf der Krawatte eines gerissenen, halb nur europSisierten 
Kaufmanns aus Konstantinopel. Sie sind vom Schlage 
der postalischen Parvenus, der groBen, schlechtgezahnten, 
schreienden Formate von Nicaragua oder Kolumbien, die 
sich zu Banknoten herausstaffieren. 



Nachportomarken sind die Spirits unter den Briefmarken. 
Sie andern sich nicht. Der Wechsel der Monarch en und 
Regierungsformen geht spurlos wie an Geistern an ihnen 
voriiber. 

Das Kind sieht nach dem fernen Liberia durch ein ver- 
kehrt gehaltenes Opernglas: da liegt es hinter seinem 
Streifcben Meer mit seinen Palmen genau wie es Brief- 
marken zeigen. Mit Vasco da Gama segelt es urn ein Drei- 
eck, das gleichschenklig ist wie die Hoffnung und dessen 
Farben mit dem Wetter sich andern. Reiseprosptkt vom 
Kap der Guten Hoffnung. Venn es den Schwan auf 
australischen Marken sieht, dann ist das, auch auf den 
blauen, griinen und braunen Werten, der schwarze Schwan, 
der nur in Australien vorkommt und hier auf den Gewas- 
sern eines Teiches als auf dem stillsten Ozean dahinzieht. 

Marken sind die Visitenkarten, die die groGen Staaten in 
der Kinderstube abgeben. 

Als Gulliver bereist das Kind Land und Volk seiner Brief- 
marken. Erdkunde und Geschichte der Liliputaner, die 
ganzeWissenschaftdes kleinenVolks mit alien ihren Zah- 
len und Namen wird ihm im Schlafe eingegeben. Es nimmt 
an ihren Geschaften teil, wohnt ihren purpurnen Volksver- 
sammlungen bei, sieht dem Stapellauf ihrer Schiffchen zu 
und feiert mit ihren gekronten Hauptern, die hinter 
Hecke thronen, Jubilaen. 

Es gibt bekanntMch eine Briefmarkensprache, die sich zur 
Blumensprache verhalt wie das Morsealphabet zu dem 
geschriebenen. Wie lange aber wird der Blumenflor zwi- 
schen den Telegraphenstangen noch leben ? Sind nicht die 



groBen kiinstlerischen Marten, der Nachkriegszeit mit 
ihren vollen Farben schon die herbstlichen Astern und 
Dahlien dieser Flora? Stephan, ein Deutscher, und nicht 
zufallig ein Zeitgenosse Jean Pauls, hat in der sommer- 
lichen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diese Saat 
gepflanzt. Sie wird das zwanzigste nicht iiberleben. 



SI PARLA ITALIANO 

Ich sa6 nachts mit heftigen Sehmerzen auf einer Bank. 
Mir gegenuber auf einer zweiten nahmen zwei Madchen 
Platz. Sie schienen sich vertraut besprechen zu wollen und 
begannen zuftustern. Niemand auBer mir war in der Nahe, 
und ich hatte ihr Italienisch nicht verstanden, so laut es 
sein mochte. Nun konnte ich bei diesem unmotivierten 
Flustern in einer mir unzuganglichen Sprache mich des 
Gefuhls nicht erwehren, es lege sich urn die sehmerzende 
Stelle ein kuhler Verband. 



TECHNISCHE NIOTH1LFE 



Es gibt nichts Armeres als eine Wahrheit, ausgedruckt 
wie sie gedacht ward. In solchem Fall ist ihre Niederschrift 
noch nicht einmal eine schlechte Photographic Auch 
weigert sich die Wahrheit (wie ein Kind, wie eine Frau, 
die uns nicht liebt) vorm Objektiv der Schrift, wenn wir 
uns unters schwarze Tuch gekauert haben, still und recht 
freundlich zu blicken. Jah, wie mit einem Schlage will 
sie aus der Selbstversunkenheit gescheucht und sei es von 
Krawall, sei's von Musik, sei es von Hilferufen auf- 



geschreckt sein. Wer wollte die Alarmsignale zahlen, mit 
denen das Innere des wahren Schriftstellers ausgestattet 
ist? Und ,Sehreiben' heiBt nichts anderes als sie in Funk- 
tion setzen. Dann fahrt die siiBe Odaliske auf, reiBt das 
Erste Beste an sich, was im Tohuwabohu ihres Boudoirs, 
unseres Gehirnkastens, ihr in die Hande fallt, nimmt's 
urn und fliicbtet so, unkenntlich fast, vor uns zu den Leu- 
ten. Wie wohl beschaffen mufi sie aber sein und wie ge- 
sund gebaut, um so, verstellt, gebetzt, doch siegreieh, 
liebenswiirdig, unter sie zu treten. 

KURZWAREN 

Zitate in meiner Arbeit sind wie Rauber am Weg, die be- 
waffnet hervorbrechen und dem MiiBigganger die Uber- 
zeugung abnebmen. 

Die Totung des Verbrechers kann sittlich sein - niemals 
ihre Legitimierung. 

Der Ernabrer aller Menschen ist Gott und der Staat ibr 
Unterernabrer. 

Der Ausdruck der Leute, die sicb in Gemaldegalerien be- 
wegen, zeigt eine schlecbt verhehlte Enttauschung dar- 
uber, daii dort nur Bilder hangen. 



STEUERBERATUNO 



Kein Zweifel: es bestebt ein gebeimer Zusammenbang 
zwischen dem Ma8 der Giiter und dem Mali des Lebens, 
will sagen, zwischen Geld und Zeit. Je nichtiger die Zeit 



ernes Lebens erfullt ist, desto briichiger, vielgestaltiger, 
disparater sind seine Augenblicke, wahrend die groBe 
Periode das Dasein des uberlegenen Menschen bezeicbnet. 
Sebr ricbtig schlagt Lichtenberg vor, vom Verkleinern der 
Zeit zu reden statt vom Verkiirzen und derselbe bemerkt : 
„Ein paar Dutzend Millionen Minuten macben ein Leben 
von fiinfundvierzig Jahren und etwas dariiber." Wo ein 
Geld im Gebrauch ist, von dem ein Dutzend Millionen 
Einheiten nicbts bedeutet, da wird das Leben nacb Se- 
kunden statt nach Jahren gezahlt werden miissen, um 
als Summe respektabel zu erscheinen. Und demgemaiJ 
wird es verzettelt werden wie ein Bundel Banknoten: 
Osterreicb kann sich die Kronenrecbnung nicht abge- 
wohnen. 

Geld gehort mit Regen zusammen. Das Wetter selbst ist 
ein Index vom Zustande dieser Welt. Seligkeit ist wolken- 
los, kennt kein Wetter. Es kommt auch ein wolkenloses 
Reich der vollkommenen Giiter, auf die kein Geld fallt. 



Es ware eine bescbreibende Analysis der Banknoten zu 
liefern. Ein Bueh, dessen grenzenlose Kraft der Satire 
ihresgleiehen nur in der Kraft seiner Sachlichkeit batte. 
Denn nirgends mehr als in diesen Dokumenten gebardet 
der Kapitalismus sich naiv in seinem heiligen Ernst. Was 
hier an unschuldigen Kleinen um Ziffern spielt, als Got- 
tinnen Gesetzestafeln halt und an gereiften Helden vor 
Miinzeinheiten sein Schwert in die Scheide steckt, das ist 
eine Welt fttr sich: Fassadenarchitektur der Holle. - 
Wenn Lichtenberg das Papiergeld verbreitet gefunden 
hatte, ware der Plan dieses Werkes ihm nicht entgangen. 



RECHTSSCHUTZ FUR UNBEMiTTELTE 

VERLEGER: Meine Erwartungen sind aufs schwerste 
enttauscht worden. Ihre Sachen haben gar keine Wirkung 
beim Publikum; sie Ziehen nicht im geringsten. Und ich 
habe an Ausstattung nicht gespart. Ich habe mich fur 
Reklamen verausgabt. - Sie wissen, wie ich nach wie vor 
Sie schatze. Sie werden es mir aber nicht verdenken kon- 
nen, wenn nun auch mein kaufmannisch.es Gewissen sich 
regt. Wenn irgendeiner, tue ich fur die Autoren, was ich 
kann. Aber schlieBlich habe ich auch fur Frau und Kinder 
zu sorgen. Ich will naturlich nicht sagen, daB ich die 
Verluste der letzten Jahre Ihnen nachtrage. Aber das 
bittere Gefuhl einer Enttauschung wird bleiben. Zurzeit 
kann ich Sie leider absolut nicht weiter unterstiitzen. 

AUTOR : Mein Herr ! Warum sind Sie Verleger geworden? 
Das werden wir umgehend heraushaben. Vorher gestatten 
Sie mir aber eins : Ich figuriere in Ihrem Archiv als Nr. 27. 
Sie haben fiinf meiner Biicher verlegt; das heifit, Sie 
haben fiinfmal auf 27 gesetzt. Ich bedaure, daB 27 nicht 
rauskam. Ubrigens haben Sie mich nur cheval gesetzt. 
Nur weil ich neben Ihrer Gliickszahl 28 liege. -Warum Sie 
Verleger geworden sind, das wissen Sie nun. Sie hatten 
ebensogut einen honetten Lebensberuf ergreifen konnen 
wie Ihr Herr Vater. Aber immer in den Tag hinein — so 
ist die Jugend. Frohnen Sie weiter Ihren Gewohnheiten. 
Aber vermeiden Sie es, als ehrlichen Kaufmann sich auszu- 
geben. Setzen Sie keine Unschuldsmiene auf, wenn Sie 
alles verjeut haben; erzahlen Sie nichts von Ihrem acht- 
stiindigen Arbeitstag und von der Nacht, in der Sie auch 
kaum noch zur Ruhe kommen. „Vor allem eins, mein Kind, 
sei treu und wahr!" Und machen Sie Ihren Nummern 
keine Szene! Sonst wird man Sie rausschmeifien ! 



NACHTGLOCKE ZUWI AR1T 

Die sexuelle Erfiillung entbindet den Mann von seinem 
Geheimnis, das in Sexualitat nicht besteht, in- ihrer Er- 
fiillung aber, und vielleicht in ihr allein, durchschnitten 
— nicht gelost - wird. Es ist der Fessel zu vergleichen, die 
ihn an das Leben bindet. Die Frau durchschneidet sie, 
der Mann wird frei zum Tode, weil sein Leben das Ge- 
heimnis verloren hat. Damit gelangt er zur Neugeburt, 
und wie die Geliebte ihn vom Banne der Mutter befreit, 
so lost die Frau buchstablicher von der Mutter Erde ihn, 
die Hebamme, welche jene Nabelschnur durchschneidet, 
die aus Naturgeheimnis geflochten ist. 



MADAME ARIANEIWEITERHOF LINKS 



Wer weise Frauen nach der Zukunft fragt, gibt ohne es 
zu wissen, eine innere Kunde vom Kommenden preis, die 
tausendmal praziser ist als alles, was er dort zu horen be- 
kommt. Ihn leitet mehr die Tragheit als die Neugier und 
nichts sieht weniger dem ergebenen Stumpfsinn ahnlich, 
mit dem er der Enthiillung seines Schicksals beiwohnt, 
als der gefahrliche, hurtige Handgriff, mit dem der Mutige 
die Zukunft stellt. Denn Geistesgegenwart ist ihr Extrakt ; 
genau zu merken, was in der Sekunde sich vollzieht, ent- 
scheidender als Fernstes vorherzuwissen. Vorzeichen, 
Ahnungen, Signale gehen ja Tag und Nacht durch unsern 
Organismus wie WellenstoBe. Sie deuten oder sie nutzen, 
das ist die Frage. Beides aber ist unvereinbar. Feigheit 
und Tragheit raten das eine, Nuchternheit und Freiheit 
das andere. Denn ehe solche Prophezeiung oder Warming 
ein Mittelbares, Wort oder Bild, ward, ist ihre beste Kraft 



schon abgestorben, die Kraft, mit der sie uns im Zentrum 
trifft und zwingt, kaum wissen wir es, wie, nacb ihr zu 
bandeln. Versaumen wir's,dann,undnur dann, entziffert sie 
sich. Wir lesen sie, Aber nun ist es zu spat. Daher, wenn 
unversebens Feuer ausbricht oder aus beiterm Himmel 
eine Todesnacbricht kommt, im ersten stummen Schrek- 
ken ein Schuldgefiihl, der gestaltlose Vorwurf : Hast du 
im Grunde nicbt darum gewulk? Klang nicbt, als du zum 
letzten Male von dem Toten sprachst, sein Name in dei- 
nem Munde scbon anders ? Winkt dir nicbt aus den Flam- 
men Gestern-Abend, dessen Spracbe du jetzt erst ver- 
stebst? Und ging ein Gegenstand, der dir lieb war, verloren, 
war dann nicbt Stunden, Tage vorber scbon ein Hof, 
Spott oder Trauer, um ibn, der es verriet? Wie ultra - 
violette Strablen zeigt Erinnerung im Buch des Lebens 
jedem eine Scbrift, die unsicbtbar, als Propbetie, den Text 
glossierte. Aber nicbt ungestraft vertauscbt man die In- 
tentionen, liefert das ungelebte Leben an Karten, Spirits, 
Sterne aus, die es in einem Nu verleben und vernutzen, 
um es gescbandet uns zuriickzustellen ; betriigt nicbt un- 
gestraft den Leib um seine Macbt, mit den Geschicken 
sich auf seinem eigenen Grund zu messen und zu siegen. 
Der Augenblick ist das kaudinische Joch, unter dem sicb 
das Scbicksal ibm beugt. Die Zukunftsdrobung ins er- 
fiillte Jetzt zu wandeln, dies einzig wiinscbenswerte tele- 
patbische Wunder ist Werk leibbafter Geistesgegenwart. 
Urzeiten, da ein solcbes Verbalten in den alltaglicben 
Hausbalt des Menschen geborte, gaben im nackten Leibe 
ibm das verlaBlicbste Instrument der Divination. Noch 
die Antike kannte die wabre Praxis, und Scipio, der 
Kartbagos Boden strauchelnd betritt, ruft, weit im Sturze 
die Arme breitend, die Siegeslosung : Teneo te, Terra 
Africana ! Was Schreckenszeicben, Ungliicksbild bat wer- 



den wollen, bindet er leibhaft an die Sekunde und macht 
sich selber aim Faktotum seines Leibes. Eben darin haben 
von jeher die alten asketiscben Ubungen des Fastens, der 
Keuschheit, des Wachens ibre hochsten Triumphe ge- 
feiert. Der Tag liegt jeden Morgen wie ein friscbes Hemd 
auf unserm Bett ; dies unvergleichlicb feine, unvergleich- 
lich dichte Gewebe reinlicher Weissagung sitzt uns wie 
angegossen. Das Gliick der nacbsten vierundzwanzig 
Stunden hangt daran, daB wir es im Erwacben aufzu- 
greifen wissen. 



MASKEN-GARDEROBE 

Wer eine Todesnacbricht uberbringt, erseheint sich sehr 
wichtig. Sein Gefiihl macbt ihn — selbst wider alien Ver- 
stand - zum Botschafter aus deni Reiche der Toten. Denn 
die Gemeinscbaft aller Toten ist so riesig, daB sogar der, 
der nur vom Tod bericbtet, sie verspurt. ,Ad plures ire' 
hiefi bei den Lateinern sterben. 



In Bellinzona bemerkte ieb drei Geistliche in der Warte- 
balle des Bahnhofs. Sie saBen auf einer Bank schrag gegen- 
iiber von meinem Platz. Ich beobachtete hingegeben die 
Geste dessen, der in der Mitte saB und durch ein rotes 
Kappchen vor seinen Brudern ausgezeichnet war. Er 
spricht zu ihnen, indem er die Hande iiber deni SchoB ge- 
faltet halt und nur ab und zu die eine oder die andere ganz 
wenig hebt und bewegt. Ich denke : Die rechte Hand muB 
was die Linke tut. 



immer wissen, 



Wer kam nicbt schon einmal aus der Metro ins Freie und 
war betroffen, oben in das voile Sonnenlicht zu treten. 



Und dennoch schien die Sonne vor ein paar Minuten, als 
er hinunterstieg, genau so hell. So schnell hat er das Wetter 
auf der Oberwelt vergessen. So schnell wird wiederum 
sie selber ihn vergessen. Denn wer kann mehr von seinem 
Dasein sagen, als daB er zwei, drei andern durch ihr Leben 
so zartlich und so nah wie das Wetter gezogen ist. 

Immer wieder, bei Shakespeare, bei Calderon fiillen 
Kampfe den letzten Akt und Konige, Prinzen, Knappen 
und Gefolge ,treten fliehend auf. Der Augenblick, da sie 
Zuschauern sichtbar werden, la6t sie einhalten. Der 
Flucht der dramatischen Personen gebietet die Szene halt. 
Ihr Eintritt in den Blickraum Unbeteiligter und wahrhaft 
Uberlegener lafit die Preisgegebenen aufatmen und urn- 
fangt sie mit neuer Luft. Daher hat die Buhnenerscheinung 
der ,fliehend' Auftretenden ihre verborgene Bedeutung. 
In das Lesen dieser Formel spielt die Erwartung von einem 
Orte, einem Licht oder Rampenlicht herein, in welchem 
auch unsere Flucht durch das Leben vor betrachtenden 
Fremdlingen geborgen ware. 



WETTANNAHSVIE 

Das burgerliche Dasein ist das Regime der Privatange- 
legenheiten. Je wichtiger und folgenreicher eine Verhal- 
tungsart ist, desto mehr enthebt es sie der Kontrolle. 
Politisches Bekenntnis, Finanzlage, Religion - das alles 
will sich verkriechen, und die Familie ist der morsche, 
finstere Bau, in dessen Verschlagen und Winkeln die 
schabigsten Instinkte sich festgesetzt haben. Das Philiste- 
rium proklamiert restlose Privatisierung des Liebeslebens. 
So ist ihm Werbung zu einem stummen, verbissenen Vor- 



gang unter vier Augen geworden, und diese durch und 
durch private, aller Verantwortung entbundene Werbung 
ist das eigentlich Neue am „Flirt". Dagegen sind der prole- 
tarische und der feudale Typ sich darin gleich, daB in der 
Werbung sie viel weniger die Frau als ibre Konkurrenten 
iiberwinden. Das aber heiBt die Frau viel tiefer respek- 
tieren als in ibrer ,Freibeit', heiBt ibr zu Willen sein, obne 
sie zu befragen. Feudal und proletariscb ist die Verlegung 
der erotiscben Akzente ins Oifentliche. Mit einer Frau bei 
der und der Gelegenbeit sicb zeigen, kann mebr bedeuten, 
als mit ihr zu schlafen. So liegt aucb bei der Ebe der Wert 
nicbt in der unfruchtbaren , Harmonic' der Gatten: als 
exzentrische Auswirkung ibrer Kampfe und Konkurren- 
zen tritt, wie das Kind, so auch die geistige Gewalt der 
Ehe zutage. 



BTEHBIERHALLE 



Matrosen kommen selten an Land; der Dienst auf bober 
See ist Sonntagurlaub verglicben mit der Arbeit in Hafen, 
wo oft bei Tag und Nacht muB ein- und ausgeladen werden. 
Wenn dann der Landurlaub fur einen Trupp auf ein paar 
Stunden kommt, ist es scbon dunkel. Im besten Falle stent 
die Kathedrale als finsteres Massiv am Weg zur Wirt- 
scbaft. Das Bierbaus ist der Scbliissel jeder Stadt; zu 
wissen, wo es deutscbes Bier zu trinken gibt, Lander- und 
Volkerkunde genug. Die deutsche Seemannskneipe rollt 
den nachtlieben Stadtplan auf: von dort bis zum Bordell, 
bis in die anderen Kneipen durcbzufinden ist nicbt schwer. 
Ihr Name kreuzt seit Tagen in den Tischgesprachen. 
Denn wenn man einen Hafen verlassen hat, biBt. einer 
nach dem anderen wie kleine Wimpel Spitznamen von 



Lokalen und von Tanzboden, von schonen Weibern und 
von Nationalgerichten aus dem nachsten. Aber wer weiB, 
ob man diesmal an Land kommt. Drum sind sehon, wenn 
das Schiff kaum eben deklariert und angelaufen hat, 
Handler mit Andenken an Bord gekommen : Ketten und 
Ansicbtskarten, Olbilder, Messer und Marmorfigiirchen. 
Die Stadt \vird nicht besicbtigt sondern eingekauft. Im 
Koffer des Matrosen liegt der Ledergurt aus Hongkong 
neben dem Panorama von Palermo und einem Madchen- 
photo aus Stettin. Genau so ist ihr wirklicbes Zuhause. 
Sie wissen nichts von einer Nebelferne, in der dem Burger 
fremde Welten liegen. Was sicb in jeder Stadt am ersten 
durcbsetzt, ist der Dienst an Bord und dann das deutsche 
Bier, die engliscbe Rasierseife und der hollandische Tabak. 
Bis in die Knocben ist die internationale Norm der In- 
dustrie fur sie prasent, sie sind nicht dupe der Palmen und 
Eisberge. Der Seemann hat die Nahe ,gefressen', und zu 
ibm reden nur exakteste Nuancen. Er kann die Lander 
besser nach der Zubereitung ihrer Fische als nach dem 
Hausbau und Dekor der Landschaft unterscheiden. Er ist 
dermaBen im Detail zu Hause, da6 ihm im Ozean die 
Routen, wo er andere Schiffe schneidet (und mit Sirenen- 
geheul, die seiner eigenen Firma begriiBt), larmende Fahr- 
straBen werden, auf denen man ausweichen muB. Er 
wobnt auf offenem Meer in einer Stadt, wo auf der mar- 
seillaiser Cannebiere eine Kneipe aus Port Said scbrag 
gegeniiber einem hamburger Freudenhaus und das napo- 
letanische Castel del Ovo auf der Plaza Cataluna Barce- 
lonas sich befindet. Bei Offizieren hat die Heimatstadt 
noch den Primat. Dem Leichtmatrosen aber, oder dem 
Heizer, den Leuten, deren transportierte Arbeitskraft im 
Schiffsrumpf Fiihlung mit der Ware halt, sind die ver- 
schrankten Hafen nicht einmal mehr Heimat sondern 



Wiege. Und wenn man ihnen zuhort, wird man inne, 
welche Verlogenheit im Reisen steckt. 



3ETTELN UND HAUSIEREN VERBOTEN! 

Den Bettler ehrten alle Religionen hoch. Denn er belegt, 
daB Geist und Grundsatz, Konsequenzen und Prinzip in 
einer so nxichternen und banalen als heiligen und leben- 
spendenden Sache, wie das Almosengeben es war, schmfih- 
lich versagen. 

Man fiihrt Klage iiber die Bettler im Siiden und man ver- 
giBt, daB ihr Bebarren vor unserer Nase so gerechtfertigt 
ist, wie die Obstination des Gelehrten vor scbwierigen 
Texten. Kein Scbatten des Zogerns, kein leisestes Wollen 
oder Erwagen, das sie in unseren Mienen nicht ausspiirten. 
Die Telepathie des Kutschers, der uns mit seinem Ruf 
erst deutlich macht, da8 wir nicht abgeneigt zu fahren 
sind, des Kramers, der aus seinem Plunder die einzige 
Kette oder Kamee, die uns reizen konnte, heraushebt, 
sind vom gleichen Scblage. 



EUM PLANETARIUM 

Wenn man, wie einst Hillel die jiidische Lebre, die Lehre 
der Antike in aller Kiirze, auf einem Beine fuBend, aus- 
zusprechen batte, der Satz miiBte lauten: „Denen allein 
wird die Erde gehoren, die aus den Kraften des Kosmos 
leben." Nicbts unterscbeidet den antiken so vom neueren 
Menschen, als seine Hingegebenheit an eine kosmiscbe 
Erfahrung, die der spatere kaum kennt. Ihr Versinken 



kiindigt schon in der Bliite der Astronomie zu Beginn der 
Neuzeit sich an. Kepler, Kopernikus, Tycho de Brahe 
waren gewiB nicht von wissenschaftlichen Impulsen allein 
getrieben. Aber dennoch liegt im ausschlieBlichen Be- 
tonen einer optischen Verbundenheit mit dem Weltall, zu 
dem die Astronomie sebr bald gefuhrt hat, ein Vorzeichen 
dessen, was kommen muBte. Antiker Umgang mit dem 
Kosmos vollzog sich anders : im Rausche. 1st doch Rausch 
die Erfahrung, in welcher wir allein des Allernachsten und 
des Allerfernsten, und nie des einen ohne des andern, uns 
versichern. Das will aber sagen, daB rauschhaft mit dem 
Kosmos der Mensch nur in der Gemeinschaft kommuni- 
zieren kann. Es ist die drohende Verirrung der Neueren, 
diese Erfahrung fur belanglos, fur abwendbar zu halten 
und sie dem Einzelnen als Schwarmerei in schonen Ster- 
nennachten anheimzustellen. Nein, sie wird je und je von 
neuem fallig, und dann entgehen Volker und Geschlechter 
ihr so wenig, wie es am letzten Krieg aufs furchterlichste 
sich bekundet hat, der ein Versuch zu neuer, nie erhorter 
Vermahlung mit den kosmischen Gewalten war. Men- 
schenmassen, Gase, elektrische KrMfte wurden ins freie 
Feld geworfen, Hochfrequenzstrome durchfuhren die 
Landschaft, neue Gestirne gingen am Himmel auf, Luft- 
raum und Meerestiefen brausten von Propellern, und 
allenthalben grub man Opferschachte in die Muttererde. 
Dies groBe Werben um den Kosmos vollzog zum ersten 
Male sich in planetarischem MaBstab, namlich im Geiste 
der Technik. Weil aber die Profitgier der herrschenden 
Klasse an ihr ihren Willen zu biiBen gedachte, hat die 
Technik die Menschheit verraten und das Brautlager in 
ein Blutmeer verwandelt. Naturbeherrschung, so lehren 
die Imperialisten, ist Sinn aller Technik. Wer mochte aber 
einem Prugelmeister trauen, der Beherrschung der Kinder 



dureh die Erwachsenen fiir den Sinn der Erziehung er- 
klaren wtirde ? 1st nicht Erziehung vor allem die unerlaB- 
liche Ordnung des Verhaltnisses zwischen den Genera- 
tionen und also, wenn man von Beherrschung reden will, 
Beherrschung der Generationsverhaltnisse und nicht der 
Kinder? Und so auchTechnik nicht Naturbeherrschung : 
Beherrschung vom Verhaltnis von Natur und Menschheit. 
Menschen als Spezies stehen zwar seit Jahrzehntau* 
senden am Ende ihrer Entwicklung ; Menschheit als Spe- 
zies aber steht an deren Anfang. Ihr organisiert in der 
Technik sich eine Physis, in welcher ihr Kontakt mit 
dem Kosmos sich neu und anders bildet als in Volkern und 
Familien. Genug, an die Erfahrung von Geschwindig- 
keiten zu erinnern, kraft deren nun die Menschheit zu un- 
absehbaren Fahrten ins Innere der Zeit sich riistet, um 
dort auf Rhythmen zu stoBen, an denen Kranke wie 
vordem auf hohen Gebirgen oder an siidlichen Meeren sich 
kraftigen werden. Die Lunaparks sind eine Vorform voh 
Sanatorien. Der Schauer echter kosmischer Erfahrung ist 
nicht an jenes winzige Naturfragment gebunden, das wir 
„Natur" zu nennen gewohnt sind. In den Vernichtungs- 
nachten des letzten Krieges erschtitterte den Gliederbau 
der Menschheit ein Gefuhl, das dem Gliick der Epileptiker 
gleichsah. Und die Revolten, die ihm folgten, waren der 
erste Versuch, den neuen Leib in ihre Gewalt zu bringen. 
Die Macht des Proletariats ist der Gradmesser seiner Ge- 
sundung. Ergreift ihn dessen Disziplin nicht bis ins Mark, 
so wird kein pazifistisch.es Raisonnement ihn retten. Den 
Taumel der Vernichtung uberwindet Lebendiges nur im 
Rausche der Zeugung. 



INHALT 



Tankstelle 7 

Friihstucksstube 7 

Nr. 113 8 

Fur Manner 10 

Normaluhr , 10 

Kehie zuriick! Alles vergeben! . 10 
HocKherrschaftlich moblierte 

Zehnzimmerwohnung 11 

Chinawaren 12 

Handschuhe 14 

Mexikanische Botschaft 14 

Diese Anpflanzungen sind dem 
Scbutze des Pnblikums emp- 

fohlen 15 

Baustelle 16 

Ministerium des Innem 17 

Flagge - 18 

- auf Halbmast 18 

Kaiserpanorama 18 

Tiefbauarbeiten 27 

Coiffeur fur penible Damen .... 27 

Achtung Stufen! 27 

Vereidigter Biicherrevisor 28 

Lehrmittel 30 

Deutsche, trinkt deutsches Bier ! 31 

Ankleben verboten! 32 

Nr. 13 36 

Waffen und Munition 37 

Erste Hilfe 37 

Innenarcbitektur 38 

Papier- und Schreibwaren ..... 38 

Galanteriewaren 39 

YergroBerungen 40 



Antiquitaten 45 

Uhren und Goldwaren 46 

Bogenlampe 47 

Loggia 48 

Fundbtiro 48 

Halteplatz fur nicht mehr als 3 

Drosehken 49 

Kriegerdenkmal 50 

Feuermelder 51 

Reiseandenken 52 

Optiker 55 

Spielwaren 56 

Poliklinik 62 

Diese Flachen sind zu vermieten 63 

Bfirobedarf 64 

Sttickgut: Spedition und Ver- 

packung 65 

Wegen Umbau geseblossen .... 65 
„Augias", Automatisches Restau- 
rant 65 

Briefmarkenhandhmg 66 

Si parla italiano. 70 

Technische Nothilfe 70 

Kurzwaren 71 

Steuerberatung 71 

Rechtsschutz fflr Unbemittelte 73 

Nachtgloeke zum Arzt 74 

Madame Ariane zweiter Hof links 74 

Maskengarderobe 76 

Wettannahme 77 

Stehbierhalle 78 

Betteln und Hausieren verboten ! 80 
Zum Planetarium 80 



Von demselben Verfasser erschienen: 

DER BEGRIFF DER KUNSTKRITIK IN 

DER DEUTSCHEN ROMANTIK 

Bern 1920. Verlag von A. Francke 

URSPRUNG DES DEUTSCHEN TRAUER- 
SPIELS 

Berlin 1928. Ernst Rowohlt Yerlag 
In Vorbereitung : 

GOETHES WAHLVERWANDTSCHAFTEN 

Berlin 1928. Ernst Rowohlt Verlag 

tJbersetzung: 

CHARLES BAUDELAIRE: TABLEAUX 
PARISIENS 

Deutsche Ubertragung mit einem Vorwort iiber die Aufgabe 
des Ubersetzers. 

Heidelberg 1923. Verlag von Richard Weifibach 
In Gemeinschaft mit Franz Hessel: 

MARCEL PROUST: IM SCHATTEN DER 
JUNGEN MADCHEN 

Berlin o. J. Verlag Die Schmiede